Neulich gab es eine Aktion auf Twitter, bei der Muslime unter dem Hashtag #MeinMoscheeReport von ihren Erfahrungen in deutschen Moscheen berichteten. Es war eine Reaktion auf die Sendereihe Der Moscheereport des ARD-Journalisten Constantin Schreiber, der zuvor etwa 20 Moscheen in Deutschland besucht hatte. Sein Fazit war erschreckend: Imame, die Abgrenzung zur deutschen Gesellschaft predigten, Literatur, die Hetze gegen Nichtmuslime propagierte, keine Spur von Integrationsbemühungen, im Gegenteil.

Bei #MeinMoscheeReport ergab sich ein ganz anderes Bild. Dort waren Moscheen ausschließlich Orte der Liebe und der Integration. Beim Lesen der ganzen Tweets dachte ich nur: Schöne Bilder, die ihr da zeichnet. Nur: Was nützen einem die schönsten Bilder, wenn die Realität außerhalb eurer Filterbubble ganz anders aussieht?

Diese Aktion zeigt das ganze Problem der aktuellen Debatten um den Islam und Muslime in Deutschland: Entweder geht es um Islamfeindlichkeit oder um Islamverherrlichung. Es geht nicht um Probleme und mögliche Lösungen, sondern ausschließlich darum, die massive negative Berichterstattung über Moscheen und Muslime zu korrigieren, weil sie einem nicht gefällt.

Ich habe eine ganz andere Erfahrung in Moscheen gemacht. Dabei gehöre ich zur Klientel, die regelmäßig Moscheen besucht, nicht nur an Feiertagen – ich praktiziere meinen Glauben. Ich würde mich selbst so beschreiben: Mein Leben ist konservativ, meine Gedanken liberal. Sozialisiert wurde ich in der türkisch-islamischen Community in Hamburg. Aufgewachsen bin ich in der konservativen Millî-Görüş-Bewegung, die in Teilen weiterhin wegen islamistischer Tendenzen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Mehr als 15 Jahre lang habe ich Bildungs- und Jugendarbeit für junge Muslime gemacht. Heute bin ich Marketing- und PR-Spezialist bei einem gemeinnützigen Verein der Jugendhilfe und werbe für Projekte, die junge Menschen aus aller Welt zusammenbringen.

In die Moschee, in der ich aufgewachsen bin, in der ich Koran-Unterricht erhalten, in der ich Bildungs- und Jugendarbeit geleistet habe, in der ich als Sekretär gearbeitet habe, gehe ich schon länger nicht mehr. Ich habe mich dort engagiert, weil mir die Arbeit mit Jugendlichen Spaß gemacht hat und ich wollte, dass sie erfolgreicher werden, als wir Älteren es konnten. Ich fühle mich dort aber nicht mehr wohl.

Nun darf ich zusehen, wie Familienangehörige und Kinder von Vorständen zu Mitgliedern und Funktionären gemacht werden, während die schlauen Köpfe links liegen gelassen werden, weil sie zu unbequem sind. Die Gebildeten und Klugen wenden sich ab. Ich habe mich lange nicht entmutigen lassen und mir immer einen Weg gesucht, mich aktiv einzubringen, weil ich mich der Gemeinde verbunden fühle. Doch irgendwann hatte auch ich keine Lust mehr, mich noch weiter an verkrusteten Strukturen aufzureiben. In Gesprächen wird immer wieder mein Blog thematisiert. Besonders Verbandsvertreter finden mich zu kritisch. Selbstkritik dagegen erlebe ich in solchen Gesprächen nur selten.

Doch ohne Selbstkritik wird es nicht gehen. Also mache ich mal einen Anfang – mit einem alternativen, ehrlichen Moscheereport: Wir wurden als Kinder in der Moschee vom Imam mit einem Stock geschlagen. Unsere Eltern haben dies ausdrücklich erlaubt; Knochenbrüche gehörten in der Moschee zur Erziehung dazu; man erzog uns zu Islamisten und Nationalisten. Kritische Distanz zu Parteien gab es damals nicht und gibt es auch heute nicht; wir lernten, Juden und Christen zu hassen. Interreligiöser Dialog wird heute noch weitestgehend verteufelt; wir hörten, dass die Deutschen unsauber seien. Deutsche Freunde waren verpönt. Die Imame lehrten uns, dass wir Allah und die Hölle zu fürchten hätten. Allah zu lieben war kaum ein Thema; ein Imam hatte eine Affäre mit seiner Praktikantin und ließ sie nach einem Jahr wieder fallen; einer Frau wurde vom Imam geraten, die Schläge ihres Ehemannes zu ertragen. Das mache sie zu einer besseren Gläubigen.

Das sind meine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen. Aber ich zähle hier Probleme auf, die in anderen Gemeinde so oder so ähnlich passieren können und passiert sind.

Ich weiß, diese Dinge zu hören tut Muslimen weh, und für fremde Augen lesen sich diese Zeilen vermutlich so, als hätten wir es mit IS-Ausbildungslagern zu tun. Doch waren solche extremen Beispiele leider nicht die Ausnahme, sondern in meiner Jugend in vielen Moscheen die Regel. Noch heute treffen wir leider in Ausnahmefällen wieder auf solche Probleme. Auch mir tun diese Zeilen weh, weil es Überwindung kostet, sie zu schreiben. Aber ich bin davon überzeugt, dass es gut ist, Unbequemes auszusprechen. Nur so können wir Debatten anstoßen.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Es gab und gibt auch schöne Zeiten und Begegnungen in den Moscheen. Doch seien wir ehrlich: Die Jugend läuft weg. Und das liegt an den unattraktiven Angeboten und den Menschen und Vorständen, die lieber Islam-Verherrlichung betreiben, als die echten Probleme der Muslime anzugehen, wie etwa fehlende Integration oder professionelle Jugend- und Seelsorgearbeit. Die islamischen Verbände sollten endlich auch kritische Muslime ernst nehmen, statt sie totzuschweigen oder zu dämonisieren. Es ist unbestritten, dass viele Moscheen gute Arbeit leisten. Doch noch immer fehlt es etwa an ausreichender Teilhabe von Frauen oder einer auf Deutsch stattfindenden religiösen Betreuung. Alles schönzureden wie bei #MeinMoscheeReport löst jedenfalls keine Probleme. Und die sind gravierender, als es ein Constantin Schreiber je beschreiben könnte.