DIE ZEIT: Sie beide haben zweimal die Seiten gewechselt: Sie sind als Wissenschaftler zum Wissenschaftsminister geworden und wurden dann zum Hochschulpräsidenten. Wo lässt es sich besser regieren: in der Politik oder an der Uni?

Birgitta Wolff: Es gibt da ja den schönen Spruch: In der Wissenschaft suchen wir nach der Wahrheit, in der Politik nach der Mehrheit.

ZEIT: Stimmt der Spruch?

Wolff: Da ist etwas dran. Wobei ich mich von der gängigen Meinung distanziere, dass in der Politik die Wahrheit schädlich sei. Auch Politiker müssen sich um Klarheit und Ehrlichkeit bemühen, sonst ernten sie Politikverdrossenheit.

Jan-Hendrik Olbertz: In der Politik werden die Kontroversen anders ausgetragen. Wenn die Opposition im Landtag ihren Job gut macht, stellt sie der Regierungspolitik Konzepte entgegen. Sie macht sich also eigene Gedanken, wie es besser gehen könnte. In einem Akademischen Senat dagegen können Sie Opposition im Zweifelsfall auch ohne Anstrengung betreiben, weil Sie für die Folgen nicht einstehen müssen.

ZEIT: Hat man es an der Uni also schwerer?

Olbertz: Zumindest hat man es nicht einfacher. An der Universität lässt sich Widerstand auch als Selbstzweck organisieren. Doch Mitbestimmung ohne Mitverantwortung ist nicht viel wert.

Wolff: Politik und Wissenschaft sind unterschiedliche Systeme. Mitunter vergleichen wir den Akademischen Senat mit einem Parlament, oder die Studierenden vergleichen ihr Studierendenparlament mit einem richtigen Parlament. Solche Vergleiche hinken jedoch etwas. Die Bundesverfassungsrichterin Susanne Baer hat das gut beschrieben: Die Kollegialorgane sind in großen Organisationen wie der Universität wichtig, weil das Gesamtgefüge komplexe Fragen tragen muss. Das kostet mitunter Mühe, aber bei Selbstverwaltung geht es eben nicht um eine Ersatzexekutive.

Olbertz: In der Politik muss sich die Opposition tatsächlich in die Dinge einarbeiten.

Wolff: In unseren gewählten Uni-Gremien wünsche ich mir gelegentlich auch etwas mehr Verantwortungsbewusstsein. Mitunter gibt es eine spürbare Diskrepanz zwischen Gestaltungsanspruch und Verantwortungsbereitschaft.

ZEIT: Das hört sich ja so an, als ob sie die Universitätsgremien am liebsten abschaffen würden.

Olbertz: Nein, keinesfalls. An Mitverantwortung gekoppelte Mitbestimmung ist etwas sehr Produktives und im Übrigen wissenschaftsadäquat. Wir beschreiben nur die Risiken, die aufbrechen, wenn man über den tieferen Sinn der Mitbestimmung nicht nachdenkt. An einer Universität entscheiden viele, aber die Verantwortung für die Konsequenzen tragen nur wenige. Ich habe mich oft geärgert, wenn jemand in die Senatssitzung kam, "dagegen" stimmte und wieder nach Hause ging. In solchen Fällen stößt die Gruppenuniversität an ihre Grenzen. Leider fällt mir aber auch kein besseres Modell ein.

Wolff: Es gibt noch einen Unterschied zwischen Politik und Wissenschaftsbetrieb. In der Uni geht es um "funktionale Selbstverwaltung". Im Akademischen Senat sitzen Vertreter, die – völlig legitim – für die Interessen ihrer Klientel eintreten. Der Senat ist kein Gremium, das die Probleme der Universität durchweg in der nötigen fachlichen Tiefe und Ausführlichkeit diskutieren kann. Wir brauchen aber die Ideen von den jeweils bestinformierten Köpfen der Uni-Community, um gute Entscheidungen fällen zu können. An der Universität haben wir dafür sogar zusätzliche Austauschformate, die eigentlich gar nicht vorgesehen sind, wie etwa eine Dekanerunde oder den Forschungsrat. Diese entscheiden aber – anders als der Senat – nicht, sondern beraten.

ZEIT: Sind Hochschulleitungen in Deutschland zu schwach?

Olbertz: Ja, in struktureller Hinsicht trifft das vielerorts zu. Ein durch Wahlen legitimiertes Leitungsteam sollte auch weitreichende Entscheidungen treffen können und selbstverständlich dafür einstehen. Moderne und komplexe Organisationen brauchen eine Instanz, an der entlang sie ihre Entwicklung definieren können.

Wolff: In der Praxis sind die Mitbestimmungsrechte oft de facto Vetorechte. Wenn eine Gruppe nicht mitmacht, dann wird nichts entschieden. Ich habe einmal erlebt, dass die Studierendenvertreter in einem Gremium völlig zerstritten waren. Der Grund hatte zwar nichts mit der eigentlichen Problemlösung zu tun. Dennoch war das ganze Gremium entscheidungsunfähig. Derartige Selbstblockaden müssen wir versuchen zu minimieren.

ZEIT: Vielerorts beteiligen sich nur zehn Prozent der Studenten an den Wahlen zu den Studentenparlamenten.

Olbertz: Auch in den anderen Mitgliedergruppen ist die Wahlbeteiligung ein Problem. So bekommt man keine funktionierende Hochschuldemokratie hin. Manchmal reichen 15 Stimmen, um einen Sitz im Studierendenparlament zu bekommen. Dann geraten Leute in Funktionen, in denen sie sich nur selber repräsentieren. Vielleicht brauchen wir auch so etwas wie eine Wahlpflicht.

Wolff: Ob die wirklich hilft? Vielen Studierenden ist vermutlich gar nicht klar, für wen oder was sie da eigentlich stimmen.

ZEIT: Das ist doch ein Zeichen dafür, dass viele Studenten die Universität nicht als ihre Sache sehen.

Wolff: Wir brauchen dringend ein ernsthaftes Nachdenken über das Selbstverständnis der Universitätsangehörigen. Viele Studierende wünschen sich die Universität als Dienstleister und sehen sich selbst eher als Kunden. Doch das ist ein Missverständnis, denn am Ende zahlt ja der Steuerzahler. Deshalb ist die Universität dem Gemeinwohl verpflichtet, und die Studierenden sind eher Mitstreiter in der Produktion von Wissen und Bildung, die für die Gesellschaft wichtig sind.