Jesus saß mal vor mir, lebensgroß, auf einem Esel, er streckte Mittel- und Zeigefinger gen Himmel – das war vor ungefähr fünf Jahren im Keller des Bode-Museums in Berlin. Ich drehte drei Runden um das fränkische Kunstwerk aus dem 16. Jahrhundert, schaute mir alle Details der Holzfigur an. In Süddeutschland waren rund 600 Jahre lang katholische Dorfpfarrer bei der jährlichen Palmsonntagsprozession auf Eseln an ihren Gläubigen vorbeigeritten. Weil die Tiere stets so störrisch waren, wurden sie irgendwann durch Holzesel ersetzt – bis sie im Zuge der Aufklärung ganz aus der Tradition verschwanden.

Aber zurück ins Museum: In der jesuslastigsten Ausstellung, die ich bis dato gesehen hatte, blickten mich unzählige Jesusse von Gemälden aus an, als Skulpturen und sogar von den Seiten einiger Bildbände. Durch die Epochen hinweg wurden sie von einigen Konstanten geeint: Sie hatten feine Gesichtszüge, den Heiligenschein, lange blonde Haare, hagere Körper, blau-grüne Augenfarbe – und strahlend weiße Haut. Ich stieg die Treppe wieder hoch und stopfte beim Verlassen der Museumsinsel kleine Kopfhörer in meine Ohren. Der MP3- Player spielte ein Lied von Lady Gaga ab: "Black Jesus, black Jesus! Jesus is the new black! Aow!"

Ich kann es nicht mit absoluter Sicherheit sagen, aber es war mit hoher Wahrscheinlichkeit das erste Mal, dass ich mich bewusst fragte: Wie kann es sein, dass ein nahöstlicher Heilsbringer ausgerechnet weiß ist?

Ich möchte mit diesem Text und auch sonst keine religiösen Gefühle verletzen. Ich selbst empfinde keine, aber als studierter Anthropologe ist es mir stets wichtig, mich mit dem nötigen Respekt und einer gewissen Feinfühligkeit an den Glauben und die Glaubenspraxis anderer Menschen heranzutasten. Deswegen lege ich hier mal alle Karten auf den Tisch und verrate jetzt schon die Moral der später folgenden kleinen Beobachtungen: Als Mitglied einer Minderheit in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft werde ich stets als "anders" identifiziert. Ich erfülle nicht die Normen der abendländischen Herkunft, habe keine weiße Haut, und mein Name verrät diese Dissonanz dann auch schnell meinem Gegenüber.

Rassistische Bewegungen (zum Beispiel mit Sitz in Dresden), ganze Bibliotheken (Wissenschaft und Presse) und jahrzehntelange Debatten (Stichwort Integration) drehten und drehen sich um mich, meinen Körper, meine Existenz als Mohamed mitten in Europa. Irgendwann mal begann ich damit, selbstverständliche Dinge aus Sicht der Mehrheit der Deutschen, Europäer und normerfüllenden, also weißen Christen zu hinterfragen. Eine palästinensischstämmige Freundin formulierte es mal etwas überspitzt wie folgt: Wenn Jesus wirklich so aussah wie im Bode-Museum, dann ist es ein wahres Wunder. Die vermeintliche Hautfarbe von Jesus Christus fällt uns Nichtweißen auf. Das klingt komisch, ist aber so.

Ich stelle mir – von abendländischer Seite – nun drei mögliche Reaktionen auf diesen Text vor. Erstens: Es spielt eigentlich keine Rolle, welche Hautfarbe Jesus hat. Aber so habe ich das noch nie gesehen. Zweitens: Jesus ist in uns Christen. Es ist egal, wie sich ihn einst Menschen vorgestellt haben oder heute noch ausmalen. Drittens: Der Mohamed, der will doch nur das Abendland islamisieren. Er sollte auf seinen eigenen Propheten draufhauen anstatt auf Jesus.

Am liebsten ist mir Antwortmöglichkeit Nummer eins. Nummer zwei und alles, was dazwischen ist, finde ich auch okay. So etwas wie die Hautfarbe des nettesten Menschen der Welt prägt uns und die Art, wie wir miteinander umgehen. Wie sich die Welt entwickelt hat, hängt nicht direkt damit zusammen, der weiße Jesus ist aber ein gutes Beispiel, wie unsere Fantasien und anerzogenen Überzeugungen in Kunst und Kultur ausgespielt werden – seit Jahrhunderten mittlerweile.

Mitte des 19. Jahrhunderts ließ der mormonische Prediger Brigham Young einen riesigen Tempel aus weißem Granit und Sandstein in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah erbauen. Im Jahr 2012 bewarb sich der gläubige Mormone Mitt Romney um das Amt des US-Präsidenten. Damals dachten alle noch, dass es für das Amt des mächtigsten Mannes der Welt gewisse Mindestanforderungen gibt, und ich machte mich auf den Weg zu einer Reporterreise in die USA, um vom Wahlkampf zu berichten.

Gleich am ersten Tag in Utah sagte mir ein republikanischer Anhänger, dass der damals amtierende Präsident Barack Obama fehl am Platz sei: "Gott hat die Schwarzen nicht geschaffen, damit sie Präsidenten werden." Romney, sein Kandidat und Vorbild, habe die besten Chancen, die "von Gott vorgesehenen Verhältnisse" wiederherzustellen. Der Mann argumentierte dann mit Jesus Christus, der ja auch ein Weißer gewesen sei. "Ich bin kein Rassist, ich befolge nur die von der Natur vorgegebenen Wahrheiten. Jeder Mensch hat seinen Platz in der Gesellschaft."

Ich fragte mich also, wie neulich im Museumskeller, warum Jesus von Natur aus und offenbar gottgewollt so aussieht, wie er uns nun mal von Kirchenfresken und Kunstgemälden her vertraut ist. Und warum Menschen daraus Schlüsse über unsere heutige Welt ziehen.