Später Vormittag, ein Café in Berlin-Kreuzberg, das mit der Auslage täglich wechselnder Zeitungen wirbt. Jedes Jahrzehnt leistet sich ja etwa einen Geisteswissenschaftler und Denker, der über die akademischen Kreise hinaus bekannt wird und über den dann auch, bei schönen Abendessen, ein bisschen was gesagt werden können muss. Seit Veröffentlichung seines Bestsellers Das Gespenst des Kapitals (2010) nimmt Joseph Vogl, bald 60 Jahre alt, Kultur- und Medienwissenschaftler an der Humboldt-Universität, Berlin, diese Position ein. Vogls Forschungsschwerpunkt liegt, grob gesagt, bei der Verschränkung von Wissen und Literatur, er schaut sich zum Beispiel ökonomische Phänomene mit dem Blick des Germanisten an.

Weißwürschtl und Kaffee, keine Eier. Problem: Man braucht ihn nur mit einem Stichwort wie "Europa" oder "Populismus" anzutippen, und es kommt ein grandios blitzender, atemlos vorgetragener Essay aus ihm hervorgesprudelt. Sein alter Studienfreund, der im letzten Jahr verstorbene Roger Willemsen, hat Joseph Vogl einmal als "den klügsten Menschen, den ich kenne" bezeichnet. Wie kriegen wir das also hin, dass dieses Frühstück nicht in einer Vorlesung endet?

Gibt es die Finanzkrise eigentlich noch? Oder warum liest man neuerdings so wenig davon? Heftiges Nicken des Professors. Die Finanzkrise habe natürlich auch zu einer Sklerotisierung, also zu einer Verödung politischer Institutionen geführt. Der Begriff der Krise impliziere, dass es einen Grund zu Optimismus gebe – seit den achtziger Jahren aber reihe sich Finanzcrash an Finanzcrash, das System sei strukturell instabil, niemand könne sich auf die Gesetzmäßigkeit, Ordnungskraft und Verteilungsgerechtigkeit der Märkte berufen. Jetzt sind wir ja schon mitten in seinen Bestseller-Thesen. Toller Effekt: Man hört ihm an, dass sein Gehirn etwa dreimal so schnell arbeitet, wie sein Mundwerk Sätze bilden kann. Der routinierte Kommunikator Joseph Vogl: "Sie sagen bitte einfach, wenn ich zu viel rede und den Mund halten soll, ja?"

Zur Bundestagswahl. Teile der CDU langweilen sich ja offenbar, sonst würden sie nicht wieder mit der behämmerten Leitkultur anfangen. Welches Wahlkampfthema würde er der Regierungspartei empfehlen? Er verschärft den Ton, setzt einen harten Gesichtsausdruck auf. Die CDU habe das Flüchtlings- und Abschiebe-Problem als Thema gefunden, und es wirke. Wenn dreißig Afghanen in ein Kriegsgebiet abgeschoben würden, habe das statistisch keinen Effekt, aber es wirke symbolisch, nach dem Motto: Die tun was. "Lassen Sie es mich zugespitzt ausdrücken: Es lohnt sich für die CDU, insbesondere gegenüber nicht anerkannten Flüchtlingen, Gesten der Unmenschlichkeit auszustellen."

Klassische Joseph-Vogl-Themen, die beim Weißwürschtl-Essen durchgenommen werden: linker Populismus à la Jakob Augstein und Chantal Mouffe; der Deutschen Lieblings-Schreckgespenst Rot-Rot-Grün; sein ewiger Lieblingsroman, Musils Mann ohne Eigenschaften, dessen Vorkriegsahnung heute wieder aktuell sei.

Eine ganz auf ihn zugeschnittene Frage: das Sloterdijk-Problem. Kann man den Schritt raus aus der Uni machen und ein öffentlicher Intellektueller werden, ohne – streng genommen – nur noch banale Verlautbarungen von sich zu geben? Den nun folgenden Vortrag müsste man eigentlich auf einer ganzen Zeitungsseite abdrucken. Zitat: Die "Erhöhung von Redeangeboten in akademisch nicht formatierten Bereichen" sei natürlich eine Einladung zur Produktion von Quatsch, also rhetorischen Schwellkörpern. Strukturell begleite den Produzenten von Zuspitzungen, Pointen und handlichen Thesen immer ein schlechtes Gewissen. Klar.

Eine Nach-Frühstücks-Zigarette, dann geht der Professor nach Hause: im Liegen Gutachten verfassen.

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