Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Helikopter kreisen über der Stadt. Wärmebildkameras suchen nach roten Schatten, auf der Suche nach Anwohnern, die nicht evakuiert werden wollten. Züge werden umgeleitet, ganze Straßenfluchten menschenleer. In den Turnhallen stapeln sich die Feldbetten. Notarztwagen stehen Kolonne. Überall Polizei. Ausnahmezustand. Das sieht nach Terror aus und nach Krieg, nach der Möglichkeit von Tod und Gefahr. Krieg ist auch. Der steckt nur seit über 70 Jahren in der Erde. Eingekapselt in den erodierenden Eisenhüllen von Fliegerbomben, die ein Bagger bei Ausschachtungen gefunden hat.

Über der Erde ist der Krieg nur noch in den Geschichtsbüchern präsent. Und es mehren sich Stimmen, die sagen: Jetzt ist es mal gut mit den fürchterlichen Geschichten. Das ist doch alles lang her und hat mit uns nichts mehr zu tun. Am letzten Wochenende war der Krieg wieder da, eine Erinnerung aus dem Bodenreich einer ganz normalen deutschen Stadt, eine Erinnerung, die, fahrlässig übersehen, auch hätte hochgehen können. Zum Glück gibt es Bombenentschärfungskommandos, die ihre Gefahr beseitigen. Die Gefahr der Vergesslichkeit können sie nicht entschärfen. Sie lauert überall, wo es achselzuckend heißt: Schon so lange her.

Die Zehn-Zentner-Bomben sind nicht explodiert. Die Stadt hat den Ausnahmezustand in ein Volksfest verwandelt, Dauerunterhaltungsprogramm für alle, die am Wochenende nicht in ihre Wohnungen konnten. Aber ganz tief unter der Feststimmung im Sonnenschein lag wieder dieses Gefühl von Angst, als sei es mit den verschütteten Bombenkratern wieder ans Tageslicht geraten.

Und die Geschichten kamen hoch, von verschütteten Kindern, von kalten Nächten in Bunkern und Kellern. Ein eingekapselter Geruch massenhafter, sinnloser und furchtbarer Tode, der von Deutschland aus einen ganzen Kontinent verseucht hat. Der politische Einigungsprozess in Europa, dieser unvollkommene, gescholtene, verachtete oder für selbstverständlich genommene Prozess hat hier seinen Grund. In dem Tod, der im Boden lauert oder, mehr noch, in der verführerischen Illusion. Ist schon so lange her? Nie lang genug.