Frage: Herr Triegel, wie sieht Jesus aus?

Michael Triegel: Gleich die schwierigste Frage am Anfang! In den vergangenen Monaten habe ich sie mir oft gestellt, da ich für die Würzburger Kirche St. Peter und Paul ein Andachtsbild von Jesus gemalt habe. Für mich gibt es keine eindeutige Antwort darauf.

Frage: Wie kam es zu dem Auftrag?

Triegel: Seit etwa zwei Jahren wurde die Kirche saniert. Zum Abschluss wollte die Gemeinde ein zeitgenössisches Werk erwerben. Der Dompfarrer und der Vikar kamen deshalb auf mich zu. Vorlage sollte das Krakauer Bild des Barmherzigen Jesus des polnischen Künstlers Adolf Hyla sein. Das hing als Poster im Seitenalter der Kirche und war interessanterweise der am meisten frequentierte Ort. Die Leute gingen dorthin, um zu beten und Kerzen anzuzünden.

Frage: Sie waren zunächst alles andere als begeistert.

Triegel: Meine erste Reaktion war Ablehnung. Ich habe gesagt: Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Das ist mir zu problematisch. Dieses Krakauer Bild ist mir mehr als fremd in seiner Sentimentalität. Man verwies mich dann auf diese Tagebücher der Schwester Faustyna, einer Nonne, die in den Dreißigerjahren Visionen von Jesus hatte.

Frage: Die Tagebücher der Schwester Faustyna hatten Hyla als Vorlage gedient.

Triegel: Als ich sie las, war mein Widerstand zunächst nicht geringer. Ich habe mich gefragt: Was stimmt mit dieser Nonne nicht? Welche Probleme werden da kanalisiert? Ich habe mit Freunden darüber gesprochen, mit einem Mediziner, mit Theologen, die das Tagebuch hoch problematisch finden. Doch ich habe mich auch gefragt: Warum kann ich die Visionen der Teresa von Ávila, die im 16. Jahrhundert lebte, für mich annehmen, die Visionen von Schwester Faustyna, die tagsüber Straßenbahn fährt und der abends Jesus erscheint, aber nicht? Da wo das Wunderbare nah an uns herantritt, zeitlich und räumlich, können wir es offenbar kaum aushalten. Das hat mich umgetrieben.

Frage: Also sind Sie nach Krakau gefahren.

Triegel: Ich war in der Kapelle, in der das Bild hängt. Die Menschen rutschten auf Knien, küssten Faustynas Reliquien. Diese Art der polnischen Frömmigkeit war mir fremd. Ich habe mich gefragt: Meinen sie tatsächlich das, wofür das Bild steht – oder meinen sie das Bild selbst? Das ist auch bei den Tagebüchern nicht unproblematisch. Darin steht: Da, wo Jesu Bild verehrt wird, ist Jesus anwesend. Ich finde, das sollte man nicht von einem Bild abhängig machen. Ein Werkzeug zur Näherung kann es aber allemal sein.

Frage: Es macht einen Unterschied, ob ein Bild in einer Kirche oder Galerie hängt.

Triegel: Es war eine Herausforderung, das für mich zu akzeptieren. Vielleicht war es gut, dass dieser Auftrag jetzt erst kam. Ich weiß nicht, ob ich vor zehn Jahren nicht vor Stolz geplatzt wäre, wenn ich gesehen hätte, dass Leute vor einem Bild von mir knien.

Frage: Was haben Sie in der Kapelle noch erlebt?

Triegel: Ich habe alte Frauen gesehen, die kaum laufen konnten und Tränen in den Augen hatten. Das hat mich sehr berührt. Ich dachte: Wie nötig es ist, dass man sogar – oder gerade – in der heutigen Zeit die Möglichkeit der Verehrung hat. Ist nun die demütige Unterwerfung ein Zeichen hilfloser Schwäche oder freie Entscheidung aus Stärke?

Frage: Glauben Sie, dass Jesus der Nonne erschienen ist?

Triegel: Ja. Gleichzeitig würde ich einschränkend sagen: Das ist für mich gar nicht die Frage. Es ist vielleicht mein Problem und vielleicht meine Gnade, dass ich zwischen Leben und Kunst, zwischen Glaubenstext und Wirklichkeit tatsächlich nicht unterscheiden kann. Ich kann nicht trennen, ob es etwas real Existierendes ist oder ob es sich real in meinem Kopf bildet. Deshalb bin ich wohl Künstler geworden.

Frage: Worauf muss man Rücksicht nehmen, wenn man Jesus malt?