Ich möchte Thymian-Zitronen-Forelle zubereiten, dazu getrüffelte Polentastäbchen mit Aioli und als Vorspeise Blumenkohl mit Sultaninen, Ricotta und Kapern. Zum Nachtisch soll es Crème brûlée mit Ingwer geben. Dafür möchte ich lediglich die zehn Schritte vom Schreibtisch, an dem ich an diesem Sonntagmorgen sitze, zur Küche zurücklegen. Die 32 Zutaten, die ich für das Drei-Gänge-Essen brauche, will ich mir bringen lassen. Geliefert bis an die Haustür. Und damit es eine echte Herausforderung wird, habe ich ein möglichst kompliziertes Gericht ausgewählt.

Seit vergangener Woche bietet Amazon in Berlin und Potsdam seinen neuen Lieferdienst namens Amazon Fresh an. Den will ich testen. Um Angebot und Service bewerten zu können, werde ich alle Zutaten parallel beim Online-Lieferdienst von Rewe bestellen – und schauen, wer besser ist.

Der Online-Handel mit Lebensmitteln, das liest und hört man häufig, gehöre zu den "wichtigsten Zukunftsbranchen". Auch Antonio Krüger, Informatikprofessor an der Universität des Saarlandes, sagt, dass sich der Lebensmittel-Online-Handel hierzulande in zehn bis fünfzehn Jahren durchgesetzt haben wird. Bereits im vergangenen Jahr lag sein Umsatz bei 932 Millionen Euro.

Ich selbst habe online schon so einiges bestellt, aber keine frischen Lebensmittel. Zu Beginn werde ich von beiden Anbietern aufgefordert, meine Postleitzahl einzugeben – das erste Problem: Amazon Fresh liefert nicht nach Moabit, obwohl der Kiez zu Mitte gehört und nur eine S-Bahn-Station vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Ich gehöre wohl nicht zu den "vielen Postleitzahlengebieten", so steht es im Amazon-Pressetext. Die Frage, weshalb ich nicht zu Hause beliefert werden kann, wird mir auch die Presseabteilung später nicht wirklich beantworten können. Statt von "vielen" Postleitzahlengebieten ist nun nur noch von "ausgewählten" die Rede. Ich beschließe notgedrungen, mir den Einkauf von Amazon ins Büro schicken zu lassen. Rewe wird mir die Lebensmittel dagegen bis zu meiner Haustür bringen.

Der deutsche Handelskonzern bietet den Lieferdienst schon seit 2013 an. Auf der Internetseite gibt es ein Erklärvideo, in dem eine braunhaarige Frau mit Pferdeschwanz in einem Garten steht, ihr Mann grillt, das Kind schaukelt. "Wenn Sie mal wieder viel zu tun haben oder einfach die Zeit mit ihrem Liebsten genießen möchten, dann kaufen Sie doch von zu Hause Lebensmittel für die ganze Familie ein." Diejenigen, die aus meinem Freundeskreis online Lebensmittel bestellen (ich habe natürlich rumgefragt), sind hingegen ausschließlich Männer. Speziell zu Lebensmitteln haben Marktforscher wie die GfK zwar keine Daten, aber generell geben Männer online doppelt so viel Geld aus wie Frauen.

Bei Rewe kann ich online aus rund 10.000 Produkten wählen, Amazon Fresh bietet mir 85.000 an. Ich gehe die Rezepte durch und gebe die Zutaten in die Suchmaske ein. Für den Blumenkohl brauche ich körnigen Senf, als ich das eintippe, werden mir bei Rewe Senfkörner angezeigt. Ich navigiere mich also zum Oberbegriff Senf, scrolle über die Seite, da, endlich, körniger Senf.

Wer sich im Supermarkt auskennt, findet Produkte dort oft schneller als online

Seit ich mit dem Einkauf begonnen habe, habe ich das Gefühl, gerade erst laufen zu lernen. Ich habe mich an die Regalordnung in Supermärkten gewöhnt. Dort hätte ein kurzer Blick genügt, und ich hätte zwischen vielen Senftuben den richtigen, weil körnigen Senf gefunden. Online läuft die Suche anders: Gebe ich "Forelle" ein, wird mir auch das Felix Katzenfutter Lachs & Forelle angezeigt, weil dieses Produkt mit Forelle verschlagwortet wurde. Romanesco, eine spezielle Blumenkohlart, gibt es bei Rewe online gar nicht. Ebenso wenig Trüffelöl und Pinienkerne.

20 Minuten dauert mein Einkauf bei Rewe, am Ende habe ich bei 22 Produkten auf Einkaufen geklickt. Die restlichen zehn habe ich nicht gefunden.

Damit Amazon Fresh mich beliefert, muss ich Prime-Mitglied werden. 30 Tage darf ich Amazon Prime gratis testen, danach kostet es 9,99 Euro im Monat. Zwar hat Amazon Fresh viele Bioprodukte im Sortiment, allerdings können diese mir nicht bis zum nächsten Tag geliefert werden. Dasselbe gilt für frische Forellen und den Ingwer.