Der Mann, der vom Boulevard als Nachfolger von Thomas Tuchel als Dortmunder Trainer gehandelt wird, versteckt sich in den Bergen oberhalb von Nizza. Vom Flughafen geht es am Meer vorbei über abenteuerliche Serpentinen hinauf in die Seealpen. Rechts türmen sich weiße Gipfel auf, links leuchtet die türkisblaue Riviera, vorbei an Zypressen und Steinmäuerchen, auf der Straße grüßen greise Männer mit ihren Weingläsern. Eine letzte Kehre windet sich durch ein Gebirgsdorf, dann ist das Ziel erreicht. Lucien Favre steht vor der Tür und breitet die Arme zur Begrüßung aus: "Sehen Sie da drüben den Schnee auf den Bergen? Mitten im Frühling am Mittelmeer, einfach verrückt!"

Das ist ein schönes Bild, denn der Schweizer Fußballlehrer erlebt gerade verrückte Tage an der Côte d’Azur. Lucien Favre hat in Nizza ein kleines Wunder geschaffen. Eineinhalb Jahre nach seiner Flucht aus dem Amt in Mönchengladbach steht er mit einer Mannschaft aus lauter jungen und weitgehend unbekannten Spielern vor dem Einzug in die Champions League.

An guten Tagen spielte der OGC Nizza den aufregendsten Fußball der französischen Liga. Schneller als der Serienmeister Paris Saint-Germain, schöner als der Tabellenführer AS Monaco, an dem Borussia Dortmund in der Champions League gescheitert ist. Die französische Presse rühmt Favre als den ersten Trainer, der es geschafft habe, Mario Balotelli zu zähmen. "Ach, Mario", sagt Favre und lächelt sein spitzbübisches Nerd-Lächeln. "Er ist ein guter Junge. Wenn man ihm mit Respekt begegnet, zahlt er mit Respekt zurück" und eben mit reichlich Toren, die Nizza von der Champions League träumen lassen.

Gegen neun geht in Favres Bergdorf die Sonne unter, der Trainer bittet in das Haus, das er zusammen mit seiner Frau bezogen hat. Das auffälligste Einrichtungsdetail im spärlich möblierten Wohnzimmer ist, natürlich, ein Fußball. Er liegt vor dem Fernseher, auf dem Lucien Favre die Spiele seiner Gegner studiert, wie immer über viele Stunden, wahrscheinlich bis mitten in die Nacht – "mais non", sagt Favre, "die Nacht ist zum Schlafen da, sonst schaffe ich das nicht, spätestens um halb elf ist Schluss". Morgens um sechs geht es wieder raus, und er wird jetzt auch bald 60, "glauben Sie mir, ich muss mit meinen Kräften haushalten".

Ja, das Haar ist grauer geworden und sticht in Richtung Weiß. Aber sein Gesichtsausdruck ist immer noch jungenhaft, und wie er jetzt nach dem Abendessen von der Küche ist Wohnzimmer geht, kann er der Versuchung schwer widerstehen und angelt mit dem Fuß nach dem Ball. Links und rechts und rechts und links, Favre liebt das beidfüßige Jonglieren, "tausendmal schaffe ich immer noch". Es ist ein bisschen wie früher zu Hause in Saint-Barthélemy, als der kleine Lucien Stunden damit verbracht hat, den Ball in der Luft zu halten, immer weiter, bis er die Berührungen irgendwann nicht mehr mitzählen konnte.

Vorbei, aber nicht vergessen. Der Fußballspieler Lucien Favre ist in den frühen Siebzigern sozialisiert worden, die Aufstellung der brasilianischen Weltmeistermannschaft von 1970 rasselt er immer noch im Schlaf herunter. Wie in jenem mexikanischen Sommer, als Pelé, Carlos Alberto und Jairzinho dem zwölfjährigen Bauernsohn Favre einen völlig neuen Blick auf die Schönheit des Spiels vermittelten. Dieser Zauber hat ihn ein Leben lang verfolgt. "Wenn es um Fußball geht, können Sie mich mitten in der Nacht wecken. Ich liebe dieses Spiel und werde es immer lieben."

Der Olympique Gymnaste Club Nice Côte d’Azur, gegründet im Jahr 1904 und viermaliger Französischer Meister, ist so etwas wie West Ham United in England oder 1860 München in Deutschland. Die Vergangenheit verspricht mehr, als die Gegenwart halten kann. Als Favre im vergangenen Sommer Nizza als seinen neuen Arbeitsplatz auswählte, war das eine gar nicht so kleine Überraschung. Er war mal Kandidat auf den Trainerjob beim FC Bayern, er wurde auf Schalke gehandelt, in Leverkusen und beim FC Everton. Und entschied sich dann für den Vierten der Ligue 1, nicht gerade ein Hotspot des europäischen Fußballs. Aber Favre hat noch nie das getan, was die anderen von ihm erwartet haben. Als er 2007 als Züricher Meistertrainer nach Berlin ging, rangierte Hertha BSC nur im Mittelfeld der Bundesliga. Und Borussia Mönchengladbach galt bei seiner Amtsübernahme im Februar 2011 als ein sicherer Abstiegskandidat.

Jetzt spielt Favre mit Nizza ganz oben mit. Eine Mannschaft der Namenlosen im Dreikampf mit Paris Saint-Germain und AS Monaco, der eine gepampert mit arabischem Kapital, der andere von einem russischen Milliardär finanziert. Nizza hat einen chinesischen Investor, aber der hält sich mit den Investitionen zurück.

Im vergangenen Sommer haben die vier besten Spieler den Club verlassen. Damals stand Favre da mit einem Haufen ehrgeiziger Nachwuchsleute, er bekam noch seinen alten Gladbacher Zögling Dante dazu und den bei Schalke 04 durchgefallenen Marokkaner Younes Belhanda. Der letzte Gimmick war die Rekrutierung von Mario Balotelli, dem ewigen Skandalkind. Der hatte keinen neuen Club gefunden, also unterschrieb Balotelli ein paar Minuten vor Transferschluss hastig einen Vertrag in Nizza. So richtig begeistert war Favre von dieser Verpflichtung nicht. Er arbeitet bevorzugt mit jungen Spielern zusammen, die sich noch formen lassen. Der 26 Jahre alte und überall aneckende Balotelli entspricht keiner dieser beiden Vorgaben. Die beiden haben sich nicht gesucht, aber doch gefunden. Balotelli hat bisher 15 Tore in der Ligue 1 geschossen, es wird seine erfolgreichste Saison aller Zeiten. Er rühmt Favre "als einen großen Trainer, den ich für mich entdeckt habe", stellt ihn "auf eine Stufe mit José Mourinho". Favre will, bei aller persönlichen Wertschätzung, nicht unerwähnt lassen, dass es aus fußballtaktischer Sicht auch Differenzen gibt: "Mario weiß selbst, wo seine Defizite liegen. Er läuft zu wenig und nicht immer richtig. Er muss härter arbeiten, wenn er sich auf Dauer den Respekt seiner Kollegen erarbeiten will. Aber vor dem Tor ist er überragend." Dies ist vermutlich eine Garantie dafür, dass Favre es nach Zürich, Berlin und Mönchengladbach auch in Nizza wieder in luftige Tabellenhöhen schaffen wird.