DIE ZEIT: Herr Schulz, wie oft haben Sie in den letzten Wochen gedacht, so ein Umfragehoch ist ja ganz schön, aber zum Sieg im September wird es dennoch nicht reichen?

Martin Schulz: Ich habe immer gesagt, dass es bis zur Bundestagswahl ein langer, steiniger Weg ist. Ich habe mich nicht forttragen lassen von den ersten Umfragen. Und ich lasse mich auch nicht niederdrücken, wenn die Zahlen nicht ganz so gut sind. Fakt ist: Vor vier Monaten stand die SPD im Bund bei 21 Prozent, jetzt sind es 28 oder 29 Prozent. Wir haben uns aus unserem Tief befreit, wir haben über 16.000 neue Mitglieder – das ist eine sehr gute Entwicklung. Die CDU hat in den vergangenen Wochen im Bund wieder leicht zugelegt, das gebe ich gern zu. Das mag den Eindruck erzeugen, es liefe für uns schlecht. Tut es aber nicht.

ZEIT: In Schleswig-Holstein hat die SPD eine sicher geglaubte Wahl verloren. Wie konnte das passieren?

Schulz: Das war eine Landtagswahl, und es waren Landesthemen, die den Ausschlag gegeben haben. Die SPD in Schleswig-Holstein wird das Ergebnis analysieren. Ich bin ganz sicher, dass sie dafür keine Ratschläge von mir braucht.

ZEIT: Die ersten Wahlanalysen zeigen, dass die CDU in Schleswig-Holstein vor allem wegen Merkel gewählt wurde, also der Bundestrend die Wahl entschieden hat. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Schulz: Ihre Einschätzung teile ich nicht. Alle Umfragen zeigen, dass wir in Berlin und auch in NRW auf die richtigen Themen setzen: Gerechtigkeit, Respekt und Zusammenhalt.

ZEIT: In Nordrhein-Westfalen droht der SPD am kommenden Wochenende die nächste Niederlage. Auch hier könnte der CDU-Herausforderer die SPD-Amtsinhaberin schlagen. Wie erklären Sie sich das?

Schulz: Erst mal kämpft die gesamte SPD Tag und Nacht für einen Sieg der SPD. Bei den Persönlichkeitswerten liegt Hannelore Kraft weit vor ihrem Herausforderer. Sie hat eine hervorragende Regierungsbilanz: So wenig Arbeitslose wie seit 23 Jahren nicht mehr, erstmals seit 43 Jahren ein Haushaltsüberschuss, deutscher Meister beim sozialen Wohnungsbau, Vorreiter im Kampf gegen Steuerhinterziehung. Kürzlich gab es eine Umfrage, da lagen SPD und CDU gleichauf, drei Tage später sah eine andere Umfrage die SPD neun Prozentpunkte vor der Union. Und beide Umfragen bezogen sich auf den gleichen Befragungszeitraum!

ZEIT: Als Sie im Januar antraten, gab es unter Sozialdemokraten eine große Hoffnung: drei SPD-Wahlsiege im Frühjahr, bei den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Und dann drei unterschiedliche, SPD-geführte Regierungen: mit den Linken im Saarland, mit den Grünen in Schleswig-Holstein und mit der FDP in NRW. Die Botschaft des Frühjahrs hätte gelautet: Die SPD kann unterschiedliche Koalitionen bilden. Heute ist klar, die Hoffnung war groß, aber es ist nichts daraus geworden.

Schulz: Ehrlich gesagt: Ich zerbreche mir über Koalitionsarithmetik nicht den Kopf. Ich werbe nur für meine Partei. Bis Sonntag in NRW, bis zum 24. September im Bund. Klar ist, unter meiner Führung wird es nur eine Koalition geben, die klar proeuropäisch ist und sich wirtschaftlicher Innovation und dem Kampf für mehr Gerechtigkeit widmet.

ZEIT: Zu Beginn Ihrer Kandidatur schien es besonders klug zu sein, nicht ins Kabinett von Angela Merkel zu gehen. Aber nun sind Sie Zuschauer, während sich die Kanzlerin auf den Bühnen der Welt präsentieren kann.

Schulz: Es war die richtige Entscheidung, nicht ins Kabinett zu wechseln. Ich kann nicht die CDU-Vorsitzende herausfordern und zugleich ihrer Richtlinienkompetenz unterworfen sein. Glauben Sie mir, ich kenne Angela Merkel sehr genau, ich bin vielleicht der Deutsche außerhalb der CDU, der am längsten mit ihr zu tun hat, über meine Arbeit in Brüssel. Ich weiß, wie sie agiert. Und ich will sie ablösen. Das kann ich umso glaubwürdiger, je unabhängiger ich von ihr bin.

ZEIT: Dann reden wir über Ihren Wahlkampf, über den Bundestagswahlkampf, den Sie unter den Begriffen Respekt und Würde führen wollen. Warum gerade diese beiden Worte?