DIE ZEIT: Frau Illner, im Herbst wird in Deutschland abgestimmt. Was wird das für ein Wahlkampf?

Maybrit Illner: Ein sehr besonderer. Europa ist in einer Situation, die bei jeder Wahl doppelt hinschauen lässt. Und wir werden die Kanzlerin in einer neuen Rolle erleben. Sie kann auf keinen Fall noch mal einen Wahlkampf machen, wie sie ihn zweimal hintereinander hingelegt hat. Mit ihrer Politik ab September 2015 hat Merkel eine Position vorgegeben, die das Land, nun ja: fraktioniert. Jetzt kann sie sich nicht mehr auf die Position zurückziehen, die sie sonst gerne eingenommen hat: Streitet ihr euch mal, ich regiere so lange. Sie wird für ihre Überzeugungen kämpfen müssen.

ZEIT: Eine Auswirkung von Merkels Politik ist auch, dass sich mit der AfD ein neuer Spieler auf der politischen Bühne etablieren konnte. Ist einer wie der rechte Provokateur Björn Höcke für Sie ein Gast wie jeder andere?

Illner: Natürlich ist das kein Gast wie jeder andere, ihn würde ich auch heute nicht mehr einladen. Diskussionen mit AfD-Politikern sind meist destruktiver, weil erst ewig gestritten werden muss, wer was tatsächlich gesagt hat, um dann das unpraktikable bis inakzeptable Politikangebot der AfD zu diskutieren. Aber ich bin durchaus der Meinung, dass Rechtspopulisten dekonstruierbar sind. Wer das will, der muss sich nur noch besser vorbereiten, als dies in der Vergangenheit manchmal der Fall war. Diese Partei ist gewählt worden, und sie hat offensichtlich erfolgreich in ein schwarzes Loch hineingearbeitet, das die etablierte Politik hinterlassen hat.

ZEIT: Muss man die AfD entlarven?

Illner: Ich möchte nicht von der AfD regiert werden, weil ich ihre Thesen nicht teile. Man muss sich aber mit ihr auseinandersetzen, und dazu reicht es nicht, auf moralische Überlegenheit zu setzen. Die etablierte Politik hinterlässt eine Leerstelle, wenn sie vor lauter Empörung das Argumentieren und Kämpfen vergisst.

ZEIT: Die private Maybrit Illner würde sich freuen, wenn die AfD verschwindet, aber es ist nicht Ihre Aufgabe als Moderatorin, dafür zu sorgen, dass es passiert?

Illner: Nein. Meine Aufgabe und mein Beruf ist, zu erklären, welches Interesse die Partei hat und warum es die AfD überhaupt gibt. Die große Koalition hat es versäumt zu kommunizieren. Die Bundeskanzlerin hat die entscheidende Rede zur Flüchtlingskrise ein Jahr zu spät gehalten. In einer Krise darf man erst recht nicht die Kommunikation mit den Menschen einstellen, weil man sie sonst verliert. Merkel hat die Flüchtlingskrise mit der Wiedervereinigung verglichen! Dann kann man nicht so kleine Schritte machen.

ZEIT: Fällt es Ihnen schwer, Ihre persönliche Meinung aus einer Sendung rauszuhalten?

Illner: Es gibt einen Unterschied zwischen Meinung und Haltung. Wenn es darum ginge, die persönliche Meinung von Frau Illner zu erfahren, müsste ich als Gast in eine andere Sendung gehen. Ich missioniere nicht, ich möchte offenlegen, welche verschiedenen Interessen es gibt und wem die eine oder andere Politik nutzt oder schadet. Wenn der Zuschauer das Gefühl hat, dass wir das mit Professionalität und Ehrlichkeit tun, ist unsere größte Aufgabe erledigt.

ZEIT: Wie viel hat Ihre Position mit einer Theaterrolle zu tun: Machen Sie Sparring, probieren Sie Dialoge vorher aus?

Illner: Nie. Wir überlegen, was sind die drei entscheidenden Aspekte, die wir diskutieren wollen? Also klassisch aristotelischer Dreisprung. Wir überlegen die Eine-Million-Dollar-Einstiegsfrage und das Ende und die zentralen Thesen zum Thema. Aber das Tolle an Fernsehen ist eben, dass es immer anders kommt, als man denkt – und da endet jede Inszenierung. Natürlich hat man sich für jeden Gast die eine oder andere Rolle gedacht, und die Gäste wähnen sich auch in einer bestimmten Rolle. Aber dagegen stehen immer die anderen Gäste und die Moderatorin. Und deshalb weiß man nie, wohin uns dieses gemeinsame Arbeiten tragen wird.