"Probier die mal", empfahl ein Kollege in der Fabrik und drückte ihm ein paar Tabletten in die Hand. Norbert Meier* fühlte sich wie in einem billigen Werbespot. Der Werkzeugmacher aus dem thüringischen Schmalkalden hatte schon lange mit Rückenschmerzen zu kämpfen, die üblichen Medikamente halfen längst nicht mehr. Also nahm er das Angebot dankend an. "Fast augenblicklich fühlte ich mich wie neu", erinnert sich Meier. Sein Schmerzproblem schien gelöst, er konnte auch schwere Werkstücke wieder tragen. Doch für die freundliche Geste seines Kollegen sollte er noch teuer bezahlen.

16.000 Menschen starben 2015 durch ärztlich verschriebene Opioide in den USA

Denn das vermeintliche Wundermittel gehört zu den stärksten Schmerzmedikamenten überhaupt, den Opioiden. Unter Freinamen wie Tramadol, Tapentadol oder Fentanyl machen sie derzeit eine steile Karriere in Apotheken und Arztpraxen. Dabei waren die Opioide (zu denen auch das Morphin gehört) ursprünglich nur für die Krebstherapie vorgesehen. Nun werden sie zunehmend auch Patienten mit Rücken-, Knie- oder sonstigen Schmerzen verordnet – mit zum Teil verheerenden Langzeitwirkungen. In den USA, wo Opioide besonders häufig verschrieben werden, sterben daran jedes Jahr rund 16.000 Menschen.

Die starken Schmerzmittel sind nur für kurzzeitige Interventionen gedacht, nicht zur Dauerbehandlung. Werden sie über lange Zeit geschluckt, können sie massive Nebenwirkungen entfalten. Dies musste Norbert Meier erleben. Nach der ersten, euphorisierenden Erfahrung bedrängte er seine Hausärztin, ihm weitere Dosen des Opioids zu verschreiben, was diese – wenn auch widerstrebend – tat.

Doch bald ließ die Wirkung des Wunderstoffs nach. Um noch eine Linderung zu verspüren, schluckte der Schmerzpatient immer mehr davon. Was er nicht wusste: Opioide reduzieren nicht nur die Schmerzempfindlichkeit, sondern wegen ihrer dämpfenden Wirkung auf das Endorphinsystem auch die Empfänglichkeit für andere, positive Reize. Meier wurde im Lauf der Zeit immer passiver, vernachlässigte seine Freunde, ging seiner Leidenschaft für Jazz nicht mehr nach. "Irgendwann habe ich das Medikament nur noch geschluckt, um bei der Arbeit acht Stunden lang zu funktionieren", erzählt der Werkzeugmacher.

Mediziner registrieren besorgt, dass solche Fälle in Deutschland häufiger werden. "Wir haben festgestellt, dass in den vergangenen 10 bis 15 Jahren die Verordnungszahlen von Opioiden enorm angestiegen sind", sagt Rainer Sabatowski, Leiter des Schmerz-Zentrums an der Uni-Klinik Dresden. Von 2006 bis 2015 nahm die Zahl der verschriebenen Packungen um 31 Prozent zu, allein im letzten Jahr lag der Anstieg bei 4,5 Prozent – "ohne dass erkennbar wäre, dass die Patienten kränker geworden sind, oder dass es neue wissenschaftlich begründete Indikationen gäbe", stellt Sabatowski fest. Was ihn besonders alarmiert: Obwohl in den vergangenen Jahren neue Opioide auf den Markt kamen, gingen die Verschreibungen der alten Präparate nicht zurück. Vermutlich geht es vielen Patienten ähnlich wie Norbert Meier: Weil die Tabletten immer weniger schmerzstillende Wirkung zeigen, erhöhen die Patienten die Dosis.

Hinter dieser Entwicklung steht die illusionäre Hoffnung vieler Patienten (und ihrer Ärzte), jedweden Schmerz quasi auf Knopfdruck aus der Welt schaffen zu können – entweder mit einer Operation oder eben einem potenten Medikament. Gleichzeitig wird diese Entwicklung von der Pharmaindustrie massiv gefördert. Denn für sie sind Opioide eine Goldgrube. Zwar kostet eine einzelne Packung, verglichen etwa mit Krebsmedikamenten, nicht viel. Aber in der Masse lohnt sich das Geschäft. Auf die Substanzgruppe der Opioide entfallen global jährlich rund 33 Milliarden Dollar Umsatz, Tendenz steigend.

Es geht nicht nur um Opioide. Trickreich versuchen Firmen, immer neue Substanzgruppen in den Markt zu pressen, etwa Pregabalin (Handelsname Lyrica), das eigentlich gegen epileptische Anfälle gedacht war; oder Suboxone, ursprünglich ein Substitutionsmittel für Drogenabhängige. Sie werden nun Schmerzpatienten als Alternativen zu bisherigen Opioid-Präparaten angepriesen. "Mir schwellen die Halsvenen, wenn ich sehe, wie Ärzte so etwas trotz fehlender Verbesserung von Schmerz oder Funktion über Jahre verordnen", ärgert sich der Schmerzexperte Johannes Lutz. Denn bei ihm, dem Chefarzt des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerztherapie in Bad Berka, landen dann oft die Opfer solcher Fehltherapien – so wie Norbert Meier.

Nachdem er jahrelang Opioide geschluckt und eine massive Abhängigkeit entwickelt hatte, entschloss er sich zu einer radikalen Wende: Er kam nach Bad Berka, um das Mittel abzusetzen und einen anderen Umgang mit dem Schmerz zu lernen. Die erste Phase, den Entzug von seinem "Stoff", hat Meier gerade hinter sich. Aufgeräumt sitzt er im Aufenthaltsraum der Schmerzklinik und erzählt von seinen Erfahrungen der letzten drei Tage. So lange ist es her, dass er seine letzte Dosis erhalten hat. Danach hatte er mit ähnlichen Entzugserscheinungen zu kämpfen wie Süchtige. In den Nächten schwitzte er heftig, war extrem unruhig, konnte kaum schlafen. Gut eine Woche können solche Symptome andauern, erklärt Chefarzt Johannes Lutz. Manche Patienten fühlen dabei einen enormen Druck auf der Brust, überall Schmerzen oder ständige Unruhe. Deshalb steht auf dem Klinikflur ein Fahrradtrainer; damit können die schlaflosen Patienten ihre Unruhe wegstrampeln.

* Name von der Redaktion geändert