Die Biennale beginnt, und der Künstler bleibt liegen. Er bleibt einfach im Bett, schmiegt sich fest in sein Kissen, träumt noch ein bisschen mit offenen Augen. Aufstehen? Ach, warum denn. Lieber dreht er sich noch einmal auf die andere Seite und zeigt der Welt dort draußen die zugedeckte Schulter. "Es genügt nicht, etwas über Faulheit zu wissen, sie muss praktiziert und perfektioniert werden."

So hat es Mladen Stilinović gesagt, der Künstler aus Kroatien, dessen spezielle Vorliebe für Perfektion und zerknautschte Bettwäsche nun in Venedig zu bewundern ist, auf ein paar halb scharfen Fotos, gleich am Anfang des größten und wichtigsten Ausstellungsparcours, den die Gegenwart zu bieten hat. Wieder ist Biennale, wieder herrscht erregtes Gedränge. Wieder soll die Kunst es richten: soll das Hier und Jetzt durchdringen, erleuchten, läutern. Und wenn das nicht, dann uns doch jedenfalls erschüttern, überraschen oder sonst wie davon überzeugen, dass es eine Biennale wie diese noch immer und ganz unbedingt braucht.

Für Christine Macel ist das eine abgemachte Sache. Die Kuratorin vom Pariser Centre Pompidou leitet in diesem Jahr die Biennale und spricht von der Kunst als "Bollwerk gegen Indifferenz und Egoismus". Einen besseren Ort als diesen gebe es nicht. "Kunst", sagt Macel ohne Scheu vor Pathos, "umarmt das Leben."

Und was sagt Stilinović? Er umarmt lieber sein Kopfkissen, denn kein Bollwerk ist ihm wichtiger als sein Bett. Gut, wenn gerade keines in der Nähe ist, dann nimmt er auch mit einer Museumsbank vorlieb. Davon gibt es in Venedig ebenfalls ein Foto: der Künstler hingestreckt, dösend, faul vor einer Museumswand, behängt mit Gemälden.

In sozialistischen Zeiten, als Stilinović sein Lob auf das Nichtstun und die Muße zum Prinzip erhob, galt das als schwer subversiver Akt. Schließlich war Arbeit alles, und auch der Künstler sollte auf seine Weise aktiv sein und den Kampf der Klassen vorantreiben. Widerstand hieß damals: liegen bleiben. Und heißt es heute wieder.

Nicht zufällig stellt die Kuratorin Macel den faulen Künstler an den Anfang ihrer Biennale. Sie lädt sogar weitere Bett- und Sofafreunde hinzu, Franz West zum Beispiel, von dem jenes recht hart gepolsterte Kanapee stammt, auf dem nun von jedermann die Kunst des öffentlichen Fläzens erprobt werden darf. Von Otium spricht Macel, von Müßiggang. Und also davon, dass sie die Künstler ihrer Biennale vor allem entlasten will: freistellen von allen Krisen und Kriegen und vor allem von der drängenden Erwartung, dass sie irgendwie handeln, ins Politische drängen müssten und für das Gute streiten.

Erst vor zwei Jahren war die Biennale vollgestopft gewesen mit Belehrung und Botschaft, ganz so, als könne die Kunst nur im Elend der Welt zu sich selber finden. Ähnlich folgt auch gerade die Documenta, kürzlich in Athen eröffnet, einer Agenda des Aufruhrs und will im Medium der aktivierenden Ausstellung darlegen, wie dem Finanzkapitalismus vielleicht zu widerstehen wäre. Hier aber, in Venedig, stehen die Zeichen auf Abkehr. "Die Kunst hilft bei gar nichts und verändert auch nichts", sagt die Kuratorin Macel. Und sagt im selben Atemzug: "Aber sie verändert auch alles."

Damit stellt sich die Biennale auf angenehm altertümliche Weise unter ein Motto, das zurückgeht bis auf Immanuel Kant und seine "zweckfreie Zweckmäßigkeit". Hier soll die ästhetische Kraft nicht vereinnahmt, nicht unter eine These gezwängt werden, hier soll sie aus sich heraus wertvoll sein – egal, was der politische Diskurs oder die Logik des Marktes gerade verlangen.

Damit ist nicht gemeint, dass die Kunst nur der eigenen Bettwärme nachspürt. Es geht auf dieser Biennale gelegentlich auch derb zu, manchmal kracht es und scheppert. Gleich hinter dem Raum mit dem schlafenden Stilinović hat die New Yorker Künstlerin Dawn Kasper ihr Lager aufgeschlagen und alle möglichen Instrumente und Platten aufgetürmt, die sie aus New York mitgebracht hat, um möglichst viel musikalischen Krach zu machen. Gelassenheit und Ekstase wohnen auf der Biennale Wand an Wand, Otium findet zu Negotium.