Nedim Gürsel ist ein großer Schriftsteller: Jeder seiner Romane ist eine Versuchsanordnung mit dem Ziel, etwas herauszufinden über sich und sein Land, die Türkei, das er nicht schon vorher gewusst hat. Fast alle seine Bücher brachten ihm Ärger ein und riefen die Gerichte oder die Zensur auf den Plan. Nach dem Erscheinen seines Romans über Mehmed, den Eroberer von Byzanz, warf man ihm Verunglimpfung des Nationalhelden vor, weil er die Vorliebe des Sultans für Griechenknaben nicht verschwieg. Sein Roman über die Ursprünge des Islams und über Mekka unter osmanischer Herrschaft, die erst der von dem Briten Lawrence organisierte Araberaufstand beendete, brachte ihn mit einem Bein ins Gefängnis. Und es ist leicht nachzuvollziehen, warum Nedim Gürsels bei Dumont auf Deutsch erschienener Roman Der Sohn des Hauptmanns dem derzeitigen Machthaber der Türkei nicht gefällt:

"Ich kann nicht anders, ich habe mich auf den Ministerpräsidenten eingeschossen. Ich halte es für eine Art von staatsbürgerlicher Pflicht, mich über ihn lustig zu machen. (...) Und hängt uns nicht der mandelförmige Schnurrbart des Ministerpräsidenten sowieso früh und spät in die Suppe? Wir haben ihn anstelle von Salz in unserer Suppe, als Zucker im Tee und als Schaum im Mokka. Offensichtlich liebt er uns sehr, auch wenn er so tut, als schlüge er uns."

Nedim Gürsel schrieb diese Zeilen vor Beginn der Massenverhaftungen von Offizieren, Richtern und Journalisten, aber sie reichen aus, um ihn bei der Einreise in die Türkei hinter Gitter zu bringen – auch sein französischer Pass böte ihm keinen Schutz. Dabei hat Gürsel kein hasserfülltes Pamphlet verfasst und, anders als der TV-Kabarettist Böhmermann, die Grenzen des Anstands gewahrt. Der Sohn des Hauptmanns , kongenial übersetzt von Barbara Yurtdas, ist ein autobiografischer Roman über Kindheit und Jugend des Ich-Erzählers, der anfangs in der Provinz und später als Internatsschüler in Istanbul lebt: vom frühen Tod der Mutter, die Selbstmord beging, bis zur Abrechnung mit dem ungeliebten Vater, der als Putschoffizier traurige Berühmtheit erlangt. Das Buch erzählt aber auch von verschrobenen Lehrern und skurrilen Mitschülern, von Jugendstreichen à la Feuerzangenbowle, vom Masturbieren im Schlafsaal, von ersten Bordellbesuchen und von der heiß ersehnten, großen Liebe. "Mein Tag verging mit Träumen von Cazibe und die Nacht gleichfalls. (...) Sie war da, wenn ich mein Zelt baute und mich befriedigte und wenn ich dem Schlaf nachjagte. (...) Sie wippte auf der roten Wippe auf und nieder und jedes Mal, wenn sie nach oben stieg, fühlte ich, wie der Saft, der in den Stämmen der Bäume quoll, meine Unterhose beschmutzte. Und sie, mir gegenüber, rief jedes Mal, wenn sie unten ankam: Los, lass mich höher fliegen."

Nedim Gürsel ist ein Schriftsteller ohne Scheuklappen, der es ablehnt, die Fantasie vor den Karren einer Ideologie zu spannen und feministische Sprachregelungen oder politisch korrekte Denkverbote zu übernehmen. Der Text ist gespickt mit Zitaten und Anspielungen auf klassische wie moderne türkische Poesie, bei deren Entschlüsselung das beigefügte Glossar hilft. Gürsel ist selbst ein Poet, der mit Gedichten debütierte, bevor er sich dem Roman zuwandte. Seine Stärke ist nicht der theoretische Durchblick, der Politik und Geschichte auf abstrakte Begriffe reduziert, sondern das sprechende Detail, das schlagartig komplexe Zusammenhänge erhellt: "Gut, dass mein Vater das nicht mehr erlebt. Wenn allerdings meine Großmutter noch lebte, dann würde sie den Ministerpräsidenten in seinem Kampf gegen den Alkohol unterstützen. Ich hingegen wäre bereit, auf meinen Mittags-Raki zu verzichten, damit er so schnell wie möglich verschwände. Aber er tritt ja nicht ab, drum: Prost!"

Die dialogische Struktur des Romans, das augenzwinkernde Einbeziehen des Lesers, schreibt mündliche Erzähltraditionen fort aus dem in alle Weltsprachen übersetzten Papageienbuch (Tuteh Nameh). Bei genauer Lektüre aber wird klar, dass der Autor kein Teppichmuster knüpfen wollte mit Erinnerungen an den Vater, die Jugendfreunde und die Mutter des Mitschülers, die ihn aus der Sexualnot erlöst. Der Sohn des Hauptmanns ist keine orientalische Miniatur, sondern eine Liebeserklärung an die moderne Großstadt Istanbul: Die Stadt am Bosporus, wie sie leibt und lebt, genauer gesagt, wie sie früher war, ist der heimliche Held des Romans, und so gesehen ist Gürsels Buch tatsächlich seelenverwandt mit einem Klassiker der Moderne, mit Döblins Berlin Alexanderplatz: "In meiner Fantasie besteht das Istanbul meiner Jugendjahre aus erstarrten Fotos. Und mir wäre am liebsten gewesen, es wäre so geblieben. Doch es kam anders (...) Und die Nutten, die in den Logen jener Kinos ihrem Gewerbe nachgingen, sind schon lange zu Büßerinnen geworden. Dieses leidige Thema möchte ich abschließen mit einem Zitat (...): Istanbul wurde nicht 1453 erobert, sondern heute."

Nedim Gürsel: Der Sohn des Hauptmanns.
Roman. Aus dem Türkischen von Barbara Yurtdas; Dumont Buchverlag, Köln 2017; 317 S.; 24,–€ , als E-Book 19,99 €