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Ein großer Vorteil für Erdoğan ist, dass ihm kein starker Parteichef entgegentreten kann. Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei CHP, Kemal Kılıçdaroğlu, kommt auf nicht mehr als 25 Prozent. Die Vorsitzenden der kurdischen HDP sitzen im Gefängnis, ihr Stimmenanteil liegt bei 10 Prozent. Die nationalistische MHP wechselte ins Regierungslager. Erdoğan verdankt seine Macht auch dieser zersplitterten Opposition.

Verdankte, muss man sagen, denn ein einziges Wort reichte, um die Zersplitterung zu überwinden: "Nein". Indem Erdoğan die Verfassungsänderung, die ihn zum rundum bevollmächtigten Präsidenten macht, zur Abstimmung stellte, hat er seine Kontrahenten vereint. Es zeigte sich, dass ihr Lager über mindestens 50 Prozent Stimmenpotenzial verfügt. Allerdings dürfte es schwierig sein, die beim Referendum vereinten 50 Prozent auch bei den Parlamentswahlen unter ein Dach zu bekommen. Die CHP-Führung grenzt sich von der HDP ab, der sie Nähe zur bewaffneten PKK vorwirft. Die Wähler wiederum, die auf die Straße gingen, weil sie das Referendum für fragwürdig halten, erfuhren keine Unterstützung von der CHP. Ihre Führung sieht den Ausweg für nicht in einer Öffnung nach links, sondern nach rechts. Dadurch entsteht links ein beträchtliches Vakuum. Eine innerparteiliche Spaltung war die Folge. Vergangene Woche wurde nach einem außerordentlichen Parteitag gerufen. Unter den Bewerbern für den Vorstand finden sich Vertreter einer Öffnung nach links wie auch Verfechter einer kemalistischen Linie.

HDP-Chef Selahattin Demirtaş kündigte in einer Nachricht aus der Haft an, in naher Zukunft könnten sich neue Allianzen bilden. Zu diesem Tableau sind noch die Unzufriedenen in der Regierungspartei hinzuzurechnen. Bekanntlich ist der ehemalige Staatspräsident Abdullah Gül nicht glücklich über die Entwicklung und rüstet sich in aller Stille.

Die Türkei nach dem Referendum ist reif für neue Bündnisse.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe