Eigentlich war alles schon vorbei. Ein Torwart, 34 Jahre alt, ist seit fast vier Jahren nur noch Ersatzspieler. Er hat sich eine neue Rolle gesucht, sitzt bei jedem Spiel auf der Reservebank, steht zwischendurch auf, geht an die Seitenlinie, brüllt, ruft, feuert an, motiviert die Jungs auf dem Rasen. Wenn die Jungs nach dem Spiel vom Rasen kommen, loben sie ihren Ersatztorwart. "Der Philipp", sagen sie, "ist der perfekte Teamplayer, er gibt alles für die Mannschaft, selbst wenn er nicht spielt." Über den Philipp, der mit Nachnamen Heerwagen heißt, werden Porträts geschrieben, auch in dieser Zeitung, Titel: Ein Reservist als Leitwolf (ZEIT Nr. 32/16).

Dass es mit ihm noch einmal was werden würde auf dem Platz, dachte niemand. Bis zum 2. Dezember 2016. Heimspiel des FC St. Pauli gegen Kaiserslautern, die 31. Minute, Stammtorwart Robin Himmelmann verletzt sich, Muskelfaserriss im linken Oberschenkel, Heerwagen zieht sich die Torwarthandschuhe an, läuft auf den Platz und hält alle Bälle, die auf sein Tor kommen. 0 : 0 steht es am Ende. Ein Punkt, der niemanden glücklich macht beim FC St. Pauli. Der Verein steht abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz, in den ersten 15 Spielen holte er nur sieben Punkte.

Dass es mit dem Verein noch einmal etwas werden würde, dachte niemand an diesem Tag. Zu groß der Rückstand, zu leblos die Spiele, zu gedrückt die Stimmung. Dass es mit dem Verein ein halbes Jahr später aber doch noch etwas wurde, er sich am vergangenen Freitag mit einem Sieg in Kaiserslautern vorzeitig den Klassenerhalt sicherte, hat viel mit dem Torwart zu tun, der von der Ersatzbank kam. Mit ihm und seiner Geduld. Und mit der Geduld des Vereins, die hart kritisiert wurde, sich am Ende aber ausgezahlt hat.

Seine Geduld

Ein Treffen vor einigen Tagen im Clubheim am Millerntor, Philipp Heerwagen gibt zur Begrüßung die Hand, riesige Pranken. Er hat am Nachmittag noch Training, zum Mittag bestellt er deshalb nur einen Kaffee und sagt: "Bisschen Doping für den alten Mann."

Ein alter Mann: Im Profifußball kann dem 34-Jährigen da niemand widersprechen. Philipp Heerwagen, seit 17 Jahren von Beruf Torwart, hat nach gewöhnlichen Maßstäben nicht mehr viele Jahre vor sich, in denen er sein Geld mit dem Parieren von Bällen verdienen kann. Keeper können ein paar Jahre länger mithalten, aber mit Mitte, Ende 30 werden auch sie ausgetauscht. Dann setzen die Trainer auf jüngere Spieler, die Zukunft versprechen.

Der alte Mann Heerwagen wird kein Torwart mehr werden, der den FC St. Pauli über Jahre prägen wird. Der ihn in die erste Liga führt und dort zu einem der großen in Deutschland heranwächst. Philipp Heerwagen ins Tor zu stellen war eine pragmatische Entscheidung. Der erste Torwart hatte sich verletzt, also kam der zweite rein. Philipp Heerwagen im Tor zu lassen, als der erste Torwart wieder einsatzbereit war, war ebenfalls eine pragmatische Entscheidung. Heerwagen war zu gut, zu ruhig, zu sicher, als dass man ihn einfach wieder auf die Bank hätte setzen können. Ein Verein, der im Abstiegskampf jeden Punkt braucht, muss pragmatisch handeln. Wer träumt, wer zu sehr in die Zukunft schaut, landet eine Liga tiefer.

Heerwagen brachte Ruhe und Stabilität. Er ist ein Mann der Gegenwart, an dem sich andere orientieren können.

DIE ZEIT: Wie war für Sie die Umstellung, plötzlich ein entscheidender Spieler auf dem Platz zu sein?

Philipp Heerwagen: Für mich hat sich nicht viel geändert. Ich habe mich immer auf jedes Spiel so vorbereitet, als würde ich spielen.

ZEIT: Aber Sie sind doch jetzt ein viel wichtigerer Spieler in der Mannschaft.

Heerwagen: Nicht unbedingt. Natürlich spiele ich und kann mit meiner Leistung etwas bewirken. Aber das ändert nichts am Wert, den ich als Mensch in der Mannschaft habe.

Es sind Antworten, die wie Klischees klingen können. Bei Philipp Heerwagen klingen sie aufrichtig. Weil er das, was er sagt, in den vergangenen vier Jahren gelebt hat.

Auf keiner anderen Position im Fußball ist der Konkurrenzkampf so hart wie im Tor. In der Innenverteidigung gibt es zwei Plätze, im Mittelfeld gleich fünf. Feldspieler können auch mal auf einer anderen Position eingesetzt werden. Und sitzen sie auf der Ersatzbank, können sie immer darauf hoffen, einer der drei Einwechselspieler zu sein. Beim Torwart ist das anders: Entweder man ist dabei. Oder man sitzt draußen, oft monatelang, jahrelang.

Heerwagen saß draußen. Seit Sommer 2013 stand er nur zweimal in der zweiten Liga im Tor. Es muss frustrierend gewesen sein. Aber er ließ sich nicht frustrieren. Er suchte sich seinen Platz abseits des Platzes.

Jede Mannschaft im Profisport hat einen Mannschaftsrat. Die Spieler wählen ihn, die Mitglieder sind so etwas wie die Klassensprecher. Meist sind die Führungsspieler auf dem Platz die Führungsspieler im Verein. Beim FC St. Pauli ist das auch so. Bis auf einen, bis auf Philipp Heerwagen. Der Torwart von der Ersatzbank ist Teil des Mannschaftsrats, seit Jahren schon.

Heerwagen: Jeder Spieler soll in einer Mannschaft doch das einbringen, was er am besten kann, und ich habe mit den Jahren gemerkt, dass ich am besten andere Spieler motivieren kann.

ZEIT: Wie machen Sie das?

Heerwagen: Ich erzähle mal ein Beispiel. Wir haben einen grandiosen Flügelspieler, den Japaner Ryo Miyaichi, der ist ein eher introvertierter Typ. Einmal bin ich am Abend vor einem Spiel zu ihm aufs Zimmer gegangen, ich hatte zwei DVDs dabei. Ryo ist ein japanisches Ausnahmetalent, war aber sehr oft verletzt. Ich hab ihm die erste DVD gegeben und gesagt: "Guck dir das an." Das war ein Zusammenschnitt einiger seiner gelungenen Aktionen, als er noch bei Arsenal London gespielt hat. Er schaute sich das an und sagte: "Aber das ist schon so lange her, und ich bin seitdem so oft ausgefallen." Dann hab ich die zweite DVD reingeschoben, Spiel gegen Kaiserslautern, da trifft er zweimal für uns und bereitet ein Tor vor. Ich hab ihm gesagt: "Jetzt hast du keine Ausrede mehr, das ist noch nicht so lange her." Da meinte er: "Ja, du hast recht, das hab ich drauf." Ich wusste schon vom Trainer, dass er am nächsten Tag spielen würde. Er machte ein überragendes Spiel, auch weil ich ihn vielleicht ein bisschen inspirieren konnte.

Philipp Heerwagen, seit September 2013 unter Vertrag beim FC St. Pauli, ist so etwas wie ein Trainerspieler des Vereins. Er coacht seine Mitspieler, er motiviert sie, er spricht mit ihnen und erzählt von seinen Erfahrungen: Wie er beim FC Bayern im Jahr 2001 mit Philipp Lahm deutscher A-Juniorenmeister wurde; wie er mit der Spielvereinigung Unterhaching 2003 in die zweite Bundesliga aufstieg; wie er beim VfL Bochum 33-mal in der ersten Bundesliga auflief, in die zweite Liga abstieg und am Ende unerwünscht war, weil der Trainer ihn nicht mehr wollte und er zu viel Geld kostete; wie er zum FC St. Pauli kam, gegenüber vom Stadion eine Wohnung fand, für Viva con Agua nach Äthiopien reiste, eine Handpumpe am Dorfbrunnen einweihte und erlebte, dass dieser Verein wirklich mehr ist als Fußballspielen.

Heerwagen kann ein Trainerspieler sein, weil sein Trainer das von ihm verlangt. Weil der Trainer Ewald Lienen immer noch sein Trainer ist – eine Entscheidung, mit der wiederum Philipp Heerwagen etwas zu tun hatte.