Ist das schon die Wende? Erst ist die Wahl des Grünen Alexander Van der Bellen zum österreichischen Bundespräsidenten gerade noch mal gut gegangen – er siegte knapp über seinen rechten Gegenkandidaten Norbert Hofer. Dann blieb die Zustimmung für Geert Wilders in den Niederlanden weit hinter den Befürchtungen zurück. Und jetzt scheint die Wahl des Linksliberalen Emmanuel Macron allen Warnungen vor Marine Le Pen Hohn zu sprechen. Schließlich überwand die AfD im Saarland und in Schleswig-Holstein die Fünfprozenthürde nur knapp. Überall im Westen Europas haben die Populisten zuletzt verloren. Bei den etablierten Parteien und auch in der liberalen Öffentlichkeit ist die Erleichterung groß. Sie ist verständlich – und falsch.

Denn die Gefahr, die von populistischen Parteien ausgeht, ist keinesfalls gebannt. Es ist sogar wahrscheinlich, dass sie die Demokratien noch über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte herausfordern werden. Entscheidend ist, ob die anderen Parteien und Eliten die Atempause nutzen, um ein wirksames Gegenmittel zu finden.

Der Populismus speist sich aus den Problemen der Globalisierung

Populismus ist vor allem ein Derivat der Angst, die eine ständige Begleiterin großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche ist. Heute hat sie ihren Ursprung vor allem in einer Globalisierung, die weit mehr ist als der freie Austausch von Waren. Viele stehen ihr noch wohlwollend gegenüber – und das nicht nur aus dem Fatalismus heraus, dass sie ohnehin kaum aufzuhalten ist. Die Globalisierung hat die soziale Lage in der Welt verbessert, sie hat Länder zusammenrücken und ein Gefühl der Gesamtverantwortung für Leid und Unrecht auf allen Kontinenten entstehen lassen.

Jetzt kommt es darauf an, ob die Politik Pläne hat, wie mit den erheblichen Kollateralschäden zu verfahren ist. Denn das Gefälle zwischen Arm und Reich innerhalb der einzelnen Gesellschaften hat zugenommen, Einwanderung und Flüchtlingswellen haben das soziale und kulturelle Gefüge vieler Länder verändert. Die digitale Revolution bedroht Millionen Arbeitsplätze (bevor sie vielleicht neue schafft). Darauf reagieren Populisten mit dem Heilsversprechen neuer nationaler Grenzen und der Rückkehr zum Etatismus. Wer dagegen erfolgreich angehen möchte, muss beweisen, dass Regierungen auch in der Diversität Ordnung schaffen können und sehr wohl noch in der Lage sind, Macht auszuüben, zum Beispiel gegenüber Banken und entfesselten Großkonzernen – insbesondere den digitalen. Hier haben neoliberal inspirierte Regierungen viel Schuld auf sich geladen.

Die Frage ist jetzt, ob Politik und Eliten aus den Denkzetteln der letzten Monate gelernt haben oder ob sie nun gleich wieder in ihre alte Selbstgefälligkeit und Wurschtigkeit zurückfallen. Dazu zählt, Ängste der Bevölkerung als pathologische Symptomatik einer bemitleidenswerten Gruppe von Abgehängten und Hinterwäldlern anzusehen – augenfällig bei manchen Wahlkampfeinsätzen von Grünen und SPD. Man wolle weiter für eine "offene Gesellschaft" kämpfen, heißt es zum Beispiel. Das kommt bei vielen Leuten so an, als verstoße schon die Forderung nach einer regulierten Aufnahme oder der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber gegen die Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft.

Sichtbar wird diese Arroganz auch, wenn die Parteien im linken Spektrum sich weigern, Alltagsängste ernst zu nehmen. Statt Kriminalität mit harter Hand zu bekämpfen, begegnen sie der Sorge vor Einbruch und anderen Straftaten kühl mit Statistiken, die oft nur Spezialisten dechiffrieren können. Wenn die Angst erst einmal da ist, ist sie eine Einladung, linke Parteien abzuwählen. Überhaupt hat die Linke ein Identitätsproblem: Wer dem Duell von Macron und Le Pen zugesehen hat und sich die fremdenfeindlichen Äußerungen wegdenkt, hätte Le Pens Tiraden zur Sozial- und Wirtschaftspolitik leicht mit den Reden früherer französischer Kommunisten verwechseln können.

Vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann – ein Grüner wohlgemerkt, dessen Regierungspolitik mehr Zustimmung findet als die aller anderen Bundesländer – stammt der Satz: "Anstatt Vorgaben für das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, sollten wir uns auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren" (ZEIT Nr. 42/16). Was man auch so deuten kann, dass der persönliche Maßstab nicht zwingend jener ist, der Gesellschaften in Frieden zusammenhält.

Der Kampf der Populisten hat gerade erst begonnen, gewinnen aber können sie ihn nicht aus eigener Kraft. Sondern durch die Fehler aller anderen.

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