Lieber Christoph Dieckmann,

Ihre Kritik an den Plänen zum Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche teile ich nicht. Vielleicht erinnern Sie sich noch, wie wir beide vor zwölf Jahren nebeneinander in der nagelneuen Dresdner Frauenkirche saßen. Es war der Morgen der Weihe, und wir waren beide von Herzen gerührt. Ich habe den Abend davor auch nicht vergessen, als viele Dresdner zu ihrer Kirche kamen, sie still und scheu umrundeten, als ob sie immer noch nicht glauben mochten, dass es diese Kirche wieder gibt. Für einen kurzen Moment hielt die Stadt ihren Atem an.

Ich habe noch die Ruinen vor Augen, den schwarzen Scherenschnitt vor meinem Fenster am Neumarkt, wenn die Sonne im Gegenlicht stand. Ich denke auch an die ersten Gespräche in Ludwig Güttlers Garten über die Aufbauidee und den Streit, den es darüber gab, ob man den Brandfleck im Herzen der Stadt nicht besser erhalten müsse als Mahnung an die Nachgeborenen. Ich habe diese Haltung nicht geteilt. Ich war lieber bei denen, die ihre zerstörte und ausgebeinte Stadt an dieser symbolträchtigen Stelle wieder heil machen wollten. Ich habe den Kirchenbaumeister Eberhard Burger für seine sanfte Stärke bewundert, einen Mann, dem ich als Kind ohne Zögern den gebrochenen Flügel meines Kanarienvogels anvertraut hätte. Ich habe auch die Anfänge des Wiederaufbaus noch miterlebt und kam dann nach Dresden zurück, als die Kuppel schon stand und ihr sandgelber Stein in der Sonne leuchtete. Es war, als wäre sie nie weg gewesen. Es geht mir seither wie Ihnen, lieber Christoph Dieckmann. Der erste Blick gilt immer der steinernen Glocke.

Natürlich ist das nicht mit Potsdam zu vergleichen – nicht nur wegen des preußischen Erbes. Auch Potsdam ist eine verwundete Stadt, und sie ist es bis heute geblieben. Ihre Teile wollen so wenig zusammenwachsen wie die deutsche Geschichte, für die sie noch immer in Haftung genommen wird. Ich habe mich nicht mit Sekundärliteratur armiert, ich bin nur durch diese Stadt gegangen und habe den Ungeist gesucht, für den ihr Name immer noch steht. Ich bin über den Pfingstberg gewandert, wo die von Ihnen apostrophierten westdeutschen Millionäre ihr schnödes Geld in große Restaurierungsprojekte stecken. Und ich habe das Haus jenes Mannes besucht, der die Tragödie des armenischen Volkes dem Kaiserreich ins Stammbuch geschrieben hat, Johannes Lepsius.

Ich stand vor dem Cecilienhof, wo das selbst verschuldete Schicksal der Teilung besiegelt wurde, oder vor dem Neuen Palais. An manchen Stellen wirkt Preußens Arkadien so unversehrt, als hätte es die ganze furchtbare Geschichte danach nie gegeben. Sie können mir jetzt wohl unterstellen, ich träumte mir mein preußisches Arkadien zusammen. Aber darum geht es doch nicht. Was mich umtreibt, ist die seelische Trümmerlandschaft, die auf die steinerne folgte. Dass es vielen Menschen in unserem Land offenbar nicht mehr wehtut, wie ihre Städte zugerichtet wurden; und dass es vielerorts auch keinen erkennbaren Willen zur Heilung mehr gibt. Das ist die verstörende Erkenntnis. Die sollten wir beide beklagen. In Halle rührt sich kaum eine Hand noch, um die Wunden am Marktplatz zu schließen. In Leipzig ist der Ersatzbau für die gesprengte Paulinerkirche zu einer Geste des schlechten Gewissens geworden, und das Schloss in Berlin dient jetzt vor allem unserer Bekenntniskultur. Geschichte wird dort zu Graffiti.

Was ist das für ein kalter, empathieloser Blick, mit dem Sie Potsdam betrachten? Warum diese Vorträge aus dem Sündenregister? Und was soll dieser Hokuspokus, der mit alten Steinen die alten Ängste beschwört? Der Wiederaufbau der Garnisonkirche befördert die Rückkehr des preußischen Militarismus so wenig wie die Frauenkirche im Übrigen zur Versöhnung in Dresden beigetragen hat. Gerade vor dieser Kirche wird heute erbittert gestritten. Die Berliner-Schloss-Gegner unter den Architekten haben sich am Ende nicht einer Ideologie gebeugt, sondern der Einsicht, dass die Mitte der Stadt eben kein beliebiger Baukasten ist. Sie mögen über den berühmten Dreikirchenblick Potsdams spotten. Aber er prägte die Silhouette der Stadt für Generationen. Die DDR ist aus vielen Gründen untergegangen. Aber wohl auch, weil sie so hässlich war.