Bei einem Angriff der britischen Luftwaffe auf Potsdam im April 1945 blieb die Kirche zuerst unbeschädigt, wurde dann jedoch von einem Brand im Nebengebäude erfasst.

"Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart […] Gerade deshalb müssen wir verstehen, dass es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann." Diese Einsicht, die Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges formuliert hat, gilt auch im Mai 2017. Und sie gilt es neu in Erinnerung zu rufen angesichts des hoch emotionalen Plädoyers gegen den Wiederaufbau des Turmes der Potsdamer Garnisonkirche, mit dem sich Christoph Dieckmann in Christ&Welt zu Wort gemeldet hat.

Denn im Grunde genommen ist der kritische Beitrag nichts anderes als ein Plädoyer genau für jene Nutzung, die die Stiftung Garnisonkirche Potsdam mit dem Wiederaufbau beabsichtigt: Es geht darum, Geschichte zu erinnern, Verantwortung zu lernen und Versöhnung zu leben. Das ist das Leitmotiv für die Arbeit im Versöhnungszentrum Garnisonkirche Potsdam, wenn der Turm fertig ist. Es sind ja nicht die Steine, die für Geschichte Verantwortung tragen, es sind immer die Menschen. Und wenn das "Nie wieder" der Generation nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den folgenden Generationen Bestand haben soll, weil die Menschen es im Herzen und in ihrem Bewusstsein tragen, dann braucht es Erinnerung, Verantwortung, Versöhnung.

Angesichts der Emotionen drängt sich die Frage auf: Dient bleibende Zerstörung eher oder besser der Versöhnung als ein historisch und politisch verantwortlicher Wiederaufbau? Bleibende Zerstörung produziert wie alles Unausgesprochene und Unreflektierte eher die Mythenbildung als einen aufgeklärten Umgang mit der Vergangenheit für die Gegenwart.

Dieckmanns Plädoyer ist von seiner heftigen Ablehnung dessen bestimmt, was er "preußisches Militär" nennt. So wird das Kirchengebäude für ihn zum "Walhalla des preußischen Absolutismus", zum "Trophäenschrein", zum Symbol für den "Tag von Potsdam". So kann er von ihrer "systematischen Schändung" sprechen und das Gotteshaus als "eine gotteslästerliche Bude" bezeichnen.

Die Argumentation entspringt einer pazifistischen Haltung, wie sie das Neue Testament bezeugt. Eine Haltung, die viele Christen in der DDR auszeichnete. Diese Haltung gehört unaufgebbar zum Christentum. Aber diese Haltung befreit uns als Christen in unserer Weltverantwortung nicht von der Aufgabe, die Bedingungen des Friedens in der Welt, der Friedensfähigkeit, der Konfliktlösung und Konfliktprävention in der Gesellschaft und zwischen Staaten zu bedenken und zu versuchen, ethisch verantwortbare Wege zu finden – in der klaren Erkenntnis, dass damit auch Schuld vor Gottes Auftrag verbunden ist. Dies muss Teil des Weges zur Versöhnung in der Garnisonkirche Potsdam sein.

Aber das ist noch nicht der Kern der inhaltlichen Aufgabe. Der Kern liegt in der Frage, wieso ausgerechnet diese Kirche für die zivilreligiöse Überhöhung des Nationalsozialismus so geeignet erschien. Die Lerngeschichte dieses Ortes und ihre bleibende Aufgabe liegen in dem selbstkritischen Blick auf preußische Militärgeschichte und Christentum, dem Verhältnis von Staat und Kirche, dem Einfluss von nationalen Ideologien auf Christen. Für alle Themen liegen reichlich wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Dass Christen und vor allem das Bürgertum bei der zivilreligiösen Zuschreibung des Nationalsozialismus willig mittaten, ist in vielen Zeitzeugnissen belegt und wissenschaftlich ausgewertet. Die Scham bleibt Teil der Weitergabe der Geschichte an die nächste Generation. Die Erinnerung an diese Schuldgeschichte gehört zu den notwendigen Themen der Arbeit an der Garnisonkirche. Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam wird so zu einem Versöhnungszentrum mit einer Bedeutung für die gesamte Evangelische Kirche in Deutschland.

Die Garnisonkirche war Gemeindekirche. Hier wurden christliche Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft und konfirmiert, Menschen getraut und betrauert. Lerngeschichte bedeutet eben auch, sich mit den Menschen, die diese Geschichte prägten, auseinanderzusetzen. Die Garnisonkirche war keineswegs nur Symbol für den preußischen Absolutismus. Sie war auch Ort der Mahnung und der Umkehr. Friedrich Schleiermacher verfasste 1799 seine berühmt gewordenen Reden "Über die Religion" im Pfarrhaus der Garnisonkirchengemeinde.

Im Jahr 1817 wurde hier im gemeinsamen Abendmahl der bedenkenswerte Grundstein für die unierte Kirche gelegt, in der die Differenzierung des Protestantismus in Lutheraner und Reformierte durch engen Zusammenschluss noch heute seine kirchentrennende Bedeutung verliert. Gemeindeglieder aus der Garnisonkirchengemeinde schlossen sich dem Widerstand gegen Hitler an, der am 20. Juli 1944 in den gescheiterten Attentatsversuch auf Hitler mündete. Sicher: Auch an der Garnisonkirche gab es "Deutsche Christen" und mit Hitlergruß skandierende Pfarrer. Aber es gab auch Pfarrer, die an der Garnisonkirche wirkten und zum Dienst an die Front geschickt wurden, weil sie nicht "staatstragend" genug im Sinne der "Deutschen Christen" agierten. Noch in den 1940er-Jahren spielte der Organist Otto Becker vom Turm der Garnisonkirche mit dem Glockenspiel Musik von Mendelssohn, obwohl diese Musik als "jüdisch" verfemt war. Dafür riskierten er und die Gemeinde sehr viel.

Die Erinnerung an diese Menschen wachzuhalten wird nicht den Blick auf die Probleme der Geschichte verstellen, darf es auch nicht. Aber es gehört eben auch zu dem Bild dieses Ortes.

Im Juni 1950 weihten die Menschen, die die Traumatisierungen des Krieges erleben mussten, an diesem Ort ihre Kapelle im Turm als Heilig-Kreuz-Kapelle ein. Alles in der Hoffnung, dass dieses Gebäude auch mit aktiver Gemeindearbeit wieder aufgebaut werden kann. Die politisch motivierte Sprengung 1968 mit persönlicher Billigung Walter Ulbrichts zerstörte diese Hoffnung. Erinnerung, Verantwortung, Versöhnung sind naturgemäß mit Emotionen verbunden. Das ist gut, manchmal heilsam. Hilfreich für die Gegenwart und heilsam für die Zukunft sind aber nur eine aufgeklärte Erinnerung, nüchterne Verantwortung und wirklichkeitsbewusste Versöhnung.