Der Weg zum höheren Bewusstsein führt weit hinaus. Am Tor zur Lüneburger Heide, inmitten stiller Wälder und Wiesen, liegt ein 250 Jahre altes Fachwerkhaus. Reetgedeckt, sorgsam restauriert, innen viel Holz und Licht. Ausladende Eichen umrahmen die einstige Wanderherberge. Friedlich liegt dieses Haus jetzt da, eineinhalb Jahre nach der Katastrophe.

Stefka Weiland, die Leiterin des Tagungszentrums Tanzheimat Inzmühlen im niedersächsischen Handeloh, streicht über das Parkett und sagt: "Es ist viel kaputtgegangen damals." Sie meint damit nicht nur den Boden, der von den schweren Koffern und Notfalltragen der Sanitäter am 3. September 2015 ramponiert und deswegen mittlerweile ausgewechselt wurde. Vor allem ist es ihr Vertrauen, das an diesem schrecklichen Tag gelitten hat.

Am 3. September 2015 mietete sich eine Gruppe von 29 Menschen bei ihr ein. Sie hatten kein offizielles Tagungsprogramm, keine Flyer und auch keine Teilnehmerlisten. Weiland, selbst Tanz- und Körpertherapeutin, kannte die Veranstalter. Sie hatten sich bereits dreimal vorher dort eingemietet, waren immer sehr herzlich und wertschätzend gewesen. Man umarmte, duzte, vertraute sich. Doch diesmal lief etwas aus dem Ruder.

Die Gruppe, hauptsächlich Heilpraktiker und Psychologen aus dem Hamburger Raum, hatte den Tagungsraum wie schon so oft zuvor mit weißen Decken und Kissen ausgekleidet, auch die Teilnehmer selbst trugen allesamt Weiß. Stefka Weiland irritierte das nicht, so etwas ist auch bei Atem- oder Meditationsseminaren nicht unüblich. Doch als sie an diesem Freitagnachmittag ihre Unterlagen zusammensuchte, hörte sie plötzlich das laute Stöhnen eines Mannes, "es klang wie ein Bär, urtierisch fast". Sie sah eine Frau in der Nähe sitzen, völlig apathisch, eine andere torkelte orientierungslos in Richtung Straße und erbrach sich wiederholt. Als sie in den weißen Raum lugte, sah sie, wie sich der Rest der Gruppe, vor Schmerzen gekrümmt, auf dem Boden wälzte – und verständigte den Notarzt. Wenig später heulten in ihrem Refugium die Sirenen der angerückten Feuerwehr und Polizei, 160 Einsatzkräfte mussten sich um die Heilpraktiker kümmern. Etwa ein bis zwei Tage verbrachten die Teilnehmer im Krankenhaus, bis die Krampfanfälle und Halluzinationen nachgelassen hatten.

Was passiert war, konnte man schnell auf den vermischten Seiten nachlesen: Heilpraktiker im Drogenrausch titelten mehr als ein Dutzend Tageszeitungen. Offenbar hatte die Gruppe mit der Droge 2C-E experimentiert, in der Szene bekannt als "Aquarust". Das ist ein Amphetamin, das stundenlange Halluzinationen verursacht. Die Heilpraktiker, so hieß es, hätten eine Psycholyse-Sitzung abgehalten, eine Form der Psychotherapie, die bewusstseinserweiternde Substanzen zur psychischen Heilung einsetzt. Das ist in Deutschland verboten, die Staatsanwaltschaft Stade hat gegen die zwei Seminarleiter deswegen vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Stade Anklage erhoben. Der Vorwurf: Die Seminarleiter, eine 49-jährige Heilpraktikerin und ein 51-jähriger Psychologe, sollen gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben. Auch als Therapeut ist es nicht erlaubt, indizierte Substanzen zu besitzen und anderen zu überlassen. Wegen Körperverletzung werden sie nicht angeklagt – die Staatsanwaltschaft geht von einer "eigenverantwortlichen Selbstgefährdung" der Teilnehmer aus. Die Teilnehmer, soll das heißen, wussten, was sie taten.

Hinter dem Debakel von Handeloh aber steckt eine größere Frage: Gibt es in Deutschland tatsächlich eine Szene von Psychologen, Ärzten und Heilpraktikern, die im Untergrund versuchen, mit illegalen Substanzen psychische Leiden zu heilen? Wie groß ist sie? Wer sind diese Menschen? Und was treibt sie an? Die ZEIT hat aus Gesprächen mit Aussteigern und Teilnehmerlisten von Seminaren ein weitverzweigtes psycholytisches Netzwerk recherchiert, das sich bereits seit mehreren Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum im Untergrund trifft. Darunter namhafte Schauspieler, Journalisten, Kriminalkommissare, Pädagogen, Wissenschaftler. Sogar der Leiter einer Drogenklinik und eine Vielzahl praktizierender Ärzte und Heilpraktiker sind darunter. Sie alle gehören zu einem Netzwerk, das in der Schweiz sein Zentrum hat. Offen sprechen will von ihnen keiner.

Im kleinen Dörfchen Lüsslingen-Nennigkofen im Nordwesten der Schweiz hat sich die "Kirschblütengemeinschaft" niedergelassen, eine spirituelle Gruppe, die sich um den im Januar mit 68 Jahren an Herzversagen verstorbenen Psychiater und Psychologen Samuel Widmer angesiedelt hat. Etwa 200 Anhänger der Psycholyse leben hier in freier Liebe zusammen – ein Großteil davon stammt aus Deutschland.

Im Herbst 2016 klebt dichter Nebel an den tief hängenden Dächern der alten Bauernhäuser. Rosenstöcke stehen in den Vorgärten. An Samuel Widmers Praxis hängt ein getöpfertes Herz.

Innen windet sich eine steile Wendeltreppe in den ersten Stock, der zum "Meditationsraum" führt. Weißer Teppich, weiße Kissen, weiße Wände, Blumen in der Mitte: Alles wie in Handeloh. Hier findet ein Teil jener Seminare statt, die früher von Widmer, heute nur noch allein von dessen Erstfrau und früheren Schülerin Danièle Nicolet Widmer angeboten werden. Sie tragen Titel wie "Kriegerschulung" oder "Der Erleuchtungsweg" und sind sehr kostspielig. Die "Meisterklasse" kostet nach Aussteigerberichten etwa 8000 Euro.

Dahinter verbergen sich zwölf Gruppensitzungen, in denen MDMA, LSD und andere sogenannte Entaktogene verabreicht werden – psychoaktive Substanzen, deren Einnahme dazu führt, die Emotionen intensiver wahrzunehmen und sich für andere Menschen zu öffnen. "Man wird süchtig nach dieser Intensität", sagt eine Aussteigerin. "Aber diese lässt sich nicht in den Alltag integrieren. Deswegen geht man immer wieder auf diese Seminare." Es entsteht eine Abhängigkeit. Die Substanzen lösen die Grenzen zwischen der Gruppe, aber auch zwischen Gruppe und Therapeut auf. Alle sind mit allen verbunden.