Der Abend beginnt mit Verwirrung. Auf dem Spielplan des Schauspielhauses steht die Uraufführung von Reichshof, einem Stück über das traditionsreiche Hotel direkt neben dem Theater. Aufführungsort ist aber weder die Bühne noch das kürzlich generalüberholte Vier-Sterne-Haus, sondern das weit weniger glamouröse Hotel Stadt Altona in der Nähe der Reeperbahn. Eine konzeptuelle Wahl? Weg von der totsanierten Oberfläche, hin zur sympathisch heruntergerockten Substanz? Am Eingang dann die Information: Man habe keine Genehmigung für den Reichshof als Spielort erhalten. Die Realität ist eine banale Gesellin.

Und so kommt es, dass ein Grüppchen von dreißig Premierenbesuchern, mehr Plätze gibt es nicht, zunächst eine Rampe hinuntergeleitet wird. Es geht hinab in die Tiefgarage des Hotels, aus der unheilvoll Soundfetzen dringen. Spärlich beleuchtet von ein paar funzeligen Scheinwerfern, hat die Bühnenbildnerin Mara-Madeleine Pieler dort einen kargen Seelenraum eingerichtet. Neben ganz normal geparkten Autos sind zu sehen: eine Theatergarderobe mit Bildschirmen, eine vollgemüllte Sitzecke mit Chesterfield-Sesseln, eine Bank, auf der eine Japanerin in weißem Pelzmantel sitzt, und ein paar ausrangierte Autoreifen.

Reichshof ist eine Mischung aus Performance und Installation mit Wortanteil. In Szene gesetzt hat das Ganze der junge Regisseur Max Pross, der Text stammt von der Schweizer Schauspielerin und Autorin Sasha Rau, die seit 2013 dem Ensemble des Schauspielhauses angehört. Sie hat vor und während der Umbauarbeiten im Hotel Reichshof recherchiert und daraus einen Abgesang auf die gute alte Zeit destilliert, der um vier Figuren kreist: eine exaltierte "Dramaqueen" (Anja Laïs), einen abgeklärten "Dauergast" (Josef Ostendorf), die schräge "Japanerin" Happyface (Sachiko Hara) und Nora, die "Frau vom 1. Obergeschoss" (Josefine Israel), die früher vermutlich mal ein Haus angezündet hat und sich nun ihren Tieren widmet. Sie alle geistern am Tag vor der Schließung durch das Hotel und versuchen, sich an das zu erinnern, was einmal ihr Leben war.

Es sind ichversunkene Gestalten, die sich mangels Alternativen im Hotel eingenistet haben und nun nicht damit klarkommen, dass ihre gewohnte Umgebung wegsaniert werden soll. "Ich bin einsam. Ich bin reich. Ich habe Lust auf sexuelle Entgrenzung", sagt Happyface und fabuliert dann wie eine durchgeknallte Kassandra etwas über Nervengift, das gleich in die Wände gespritzt werde. "Ich will gesehen werden", klagt Nora, "aber ich hasse so viele." – "Dass man nicht mitstirbt, erstaunt bei all diesen Katastrophen", bemerkt die Dramaqueen. Es sind zeitgenössische Probleme, die da in sorgsam komponierten Sätzen aufpoppen, zerlegt in rätselhafte Sinn-Bilder. Eine konkrete Geschichte zu erzählen ist nicht das Ziel von Autorin und Regisseur. Es geht ihnen um Verdichtung, um Assoziationsflächen, um Poesie.

In der Tiefgarage klappt das nur mittelprächtig. Zunächst ist es zwar unterhaltsam, sich in diesem Thriller-Setting umzusehen und der Lautsprecherstimme zu lauschen, die zum "Soft-Closing" des Hotels einlädt und sich "recht herzlich" für die vergangenen gemeinsamen Jahre bedankt. Aber dann kommt die Theater-Behauptung doch nicht gegen die triste Realität des Spielorts an: An Stringenz oder gar Poesie ist bei der lausigen Akustik nicht zu denken, die Zuschauer treten fröstelnd von einem Bein aufs andere und weichen den Pfützen am Boden aus. Nach einer guten halben Stunde dann die Erlösung, es geht hinauf ins Warme, durchs Foyer und hinein in die Hotelbar.

Trockennebel wabert, auf den Tischen ausgetrunkene Gläser, Sektflaschen, volle Aschenbecher. Wenn die Tiefgarage die labile Psyche der Protagonisten symbolisierte, dann geht es hier um vergangenheitsbesoffene Selbstdarstellung. Die allesamt toll agierenden Schauspieler machen die den Umständen geschuldete Schwachstelle des Abends fast vergessen: Eigentlich gehören sie und ihre Lebensgeschichten in eine noble Herberge, nicht in ein Budget-Hotel. Aber das ist ja das Wunderbare am Theater: Die Verabredung zum Als-ob funktioniert, die Schauspieler tun einfach so, als seien sie in einem Grandhotel, und die Zuschauer folgen ihnen in ihrer Vorstellung dorthin.

Schade nur, dass der Text an diesem Melancholie-Abend zu sehr mit seiner eigenen Rätselhaftigkeit kokettiert. Die Poesie ist ein scheues Wesen. Ein paar kostbare Sentenzen locken sie auf Dauer nicht aus ihrem Bau. Sie braucht schon etwas mehr Futter und eine starke Regie-Hand. Sonst wirkt sie schnell so abgestanden wie der Sekt in den Gläsern der Hotelbar.