Bist du katholisch oder evangelisch? Vielleicht ist dir diese Frage schon einmal gestellt worden. Und vielleicht hast du dann geantwortet, dass du entweder das eine oder das andere bist. Vielleicht bist du aber auch gar nicht getauft und wusstest dann nicht so genau, was du auf diese Frage antworten sollst. Und vielleicht hast du auch einfach noch nie darüber nachgedacht, dass es da einen Unterschied gibt. Schließlich ist es eigentlich ziemlich egal, ob man sich in der Kirche während des Gottesdienstes mal hinkniet (katholisch) oder nicht (evangelisch), ob Weihrauch geschwenkt wird (katholisch) oder nicht (evangelisch) und ob man ab und zu zur Beichte geht, wie es Katholiken tun – oder eben nicht. Mit wem du befreundet bist, neben wem du in der Schule sitzt oder mit wem du zum Sport gehst, hängt ganz bestimmt nicht davon ab, ob er oder sie evangelisch, katholisch oder gar nichts ist, sondern einfach davon, ob ihr euch mögt. Seltsam, sich vorzustellen, dass das nicht immer so war.

Bis vor 500 Jahren gab es in Deutschland nur eine Kirche, die katholische. Die Menschen glaubten fest an Gott und daran, dass man nach dem Tod im Fegefeuer für all seine Fehler bestraft wird. Eine schreckliche Aussicht. Denn welcher Mensch macht schon niemals Fehler? Angst war darum ein Gefühl, das die Menschen ständig begleitete, und genau das nutzte die Kirche schließlich aus. Prediger zogen umher und verkauften "Ablassbriefe": Die Menschen, das erzählten die Prediger, könnten damit ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Die Kirche nahm auf diese Weise ziemlich viel Geld ein, unter anderem bezahlte sie davon eine riesige neue Kirche in Rom, den Petersdom. Ein Mönch namens Martin Luther fand das seltsam. Vor genau 500 Jahren hat er sich gefragt: Kann Gott wollen, dass das Geld entscheidet, wer wie lange im Fegefeuer sitzt? Seine Antwort war: Nein.

Luther regte sich über diesen "Ablasshandel" so auf, dass er 95 Thesen – also Gedanken – aufschrieb, um sie mit anderen Gelehrten zu besprechen. Was er vor allem sagen wollte: Gott will keine Beweise dafür, dass man an ihn glaubt, und auch kein Geld, es reicht ihm völlig, dass man an ihn glaubt. Und weil immer mehr Menschen sich Luther anschlossen, entwickelte sich bald eine ganz neue Kirche, die evangelische, manche sagen auch protestantische Kirche zu ihr. Auch die katholische Kirche erneuerte sich und verbot schließlich den Ablasshandel. Jetzt könnte man meinen, dass damit alle Probleme gelöst waren und die Menschen sich fortan einfach entscheiden konnten, zu welcher Kirche sie gehören wollten. Ganz so einfach war es aber leider nicht.

In Deutschland herrschten damals viele verschiedene Fürsten, und manchen von ihnen kam die neue Kirche gerade recht, weil sie sich gegen den Kaiser auflehnen wollten – der war katholisch und wollte das auch bleiben. Er wollte auch nicht, dass einige seiner Fürsten evangelisch wurden. Ein wenig verhandelten Kaiser und Fürsten, dann führten sie Krieg, und schließlich einigten sie sich darauf, dass jeder Fürst selbst bestimmen durfte, zu welcher Kirche er und seine Untertanen gehören sollen. Für die Menschen war damit aber immer noch nicht alles gut. In vielen Gegenden lebten nämlich trotzdem katholische und evangelische Gläubige nah beieinander, und es fiel ihnen schwer, sich daran zu gewöhnen. Oft stritten sie sich wegen ihres Glaubens, nur selten heirateten Männer und Frauen mit unterschiedlichen Bekenntnissen. Und wenn sie es doch taten, gab es riesige Diskussionen darüber, in welchem Glauben die Kinder erzogen werden sollten.

Das ging so weit, dass im Jahr 1727 ein katholischer Pfarrer in Augsburg ein neugeborenes Mädchen mit einem kleinen, ins Haus geschmuggelten Fläschchen Wasser heimlich taufte, nachdem er mitbekommen hatte, dass der Vater seine Tochter bei einem evangelischen Kollegen zur Taufe angemeldet hatte – obwohl es mit der katholischen Mutter anders besprochen war. Es gab eine wüste Schlägerei der evangelischen Verwandtschaft mit dem Pfarrer, aber die Taufe war gültig. Im Jahr 1833 beschwerte sich ein katholischer Pfarrer im Hunsrück über vier evangelische Mädchen, die in seiner Kirche auf den Altar geklettert waren und sich "auf sehr unanständige Art" benommen hätten. Kinder und Jugendliche machten es wie ihre Väter, die sich schon mal mit Männern des anderen Bekenntnisses schlugen, und verspotteten Kinder, die zum anderen Glauben gehörten, als "Ketzer" oder "Scheinheilige". Noch vor 100 Jahren, ja sogar vor 70 Jahren gingen evangelische und katholische Kinder oft nicht zusammen zur Schule und spielten nicht in denselben Vereinen Fußball.

Geändert hat sich das erst allmählich, dafür aber gründlich. Heute besuchst du vielleicht evangelischen oder katholischen Religionsunterricht oder überlegst, ob du dich konfirmieren lassen möchtest, wenn du evangelisch bist; vielleicht hattest du schon deine Erstkommunion, wenn du katholisch bist. Die Zeiten aber, in denen das ein Grund war, einander zu hänseln oder gar zu mobben, in denen sich Katholiken und Protestanten spinnefeind waren, diese Zeiten sind zum Glück vorbei.