Es ist unmöglich, in den Berichten einzelner Flüchtlinge Übertreibungen, Irrtümer oder auch bewusste Unwahrheiten auszuschließen. Doch die schiere Menge und die übereinstimmende Tendenz der Aussagen machen die Tatsache weitreichender brutaler Übergriffe unzweifelhaft. Beobachter und Aktivisten in Bangladesch, die das Schicksal der Rohingya seit Langem verfolgen, sprechen von einer dramatischen Zuspitzung: Früher, zuletzt im Jahr 2012, fielen Mobs der buddhistischen Mehrheit über die muslimische Minderheit her. Diesmal, Ende des Jahres 2016, hat der Staat selbst Jagd auf die Rohingya gemacht.

Der Pogrom ist offiziell geworden. Nicht einmal die Regierung von Myanmar bestreitet die Berichte über Gräueltaten rundheraus. Der Sprecher des Präsidialamtes, Zaw Htay, erklärt auf Anfrage: "Zunächst muss ich sagen, dass wir nicht etwa alle Beschuldigungen in dieser Angelegenheit vollkommen zurückweisen und unsere Augen verschließen. Es können Fälle (von Menschenrechtsverletzungen) vorliegen. Sie sind vielleicht nicht so ernst wie behauptet. Aber wenn es starke Beweise gibt, werden wir definitiv in der Sache tätig werden, wie das Gesetz es vorsieht."

Der Sprecher verweist auf eine Untersuchung unter Leitung des Vizepräsidenten. Man gehe derzeit ganz konkret Vergewaltigungsvorwürfen nach. Offenbar haben die wachsenden internationalen Proteste die Regierung verunsichert. Myanmar muss sein Image als Reformland verteidigen, sonst wird es zumindest im Westen alle Sympathien verlieren. Sehr viel ist schon jetzt nicht mehr davon übrig.

Und dann bergen die Ausschreitungen gegen die Rohingya auch Gefahren. Muslime, denen fast schon gewohnheitsmäßig Unrecht geschieht und die sich von der Menschheit verlassen fühlen, könnten von islamistischen Radikalen für ihre Ideologie und den Terrorismus gewonnen werden.

Der 34-jährige Mohammed Shafiq sitzt vor seinem Geschäft auf einer Holzbank. Er war in Myanmar ein Imam, ein muslimischer Geistlicher: einer von fünf in einem Ort von fünfhundert Familien. Im Flüchtlingslager Kutupalong hat Shafiq eine Weile lang noch das Gemeindegebet geleitet und in der Madrassa, der Koranschule, Kinder unterrichtet – aber er konnte nicht mehr davon leben. So hat er, um sich und seine Familie zu ernähren, einen Krämerladen eröffnet. Es geht ihm nicht so schlecht wie anderen im Lager. Doch er leidet darunter, gesteht er, dass er vom Prediger zum Händler geworden ist. Was vermisst er besonders an seiner Heimat? Shafiq seufzt tief und sagt: "Den Schatten der Bäume."

Er ist ein gefühlvoller Mann. Nachdem er über die Schönheit der Natur und über sein Heimweh gesprochen hat, sagt er plötzlich über die Rohingya: "Die Leute wären bereit zu kämpfen, wenn irgendwer ihnen Waffen geben würde." Und er selbst, würde er auch in den Kampf ziehen? "Inschallah", antwortet Mohammed Shafiq. Ja, so Gott will.

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