Schon wieder Friedhof. Thomas Kufen hat sein schwarzes Jackett über die Stuhllehne geworfen: Er kommt gerade von einer Beerdigung. Der frühere Vorstandschef des Ruhrgas-Konzerns ist gestorben. Da habe er sie wieder alle gesehen, sagt Essens Oberbürgermeister, als er wieder zurück im Büro ist. Ex-Ministerpräsidenten, Ex-Thyssen-Chefs, Ex-Energiebosse: die alten Männer, deren Konzerne Essen zu einer einflussreichen Stadt der deutschen Wirtschaft gemacht haben. Ihre Welt ist untergegangen. Den Rest gab ihnen Angela Merkel im März 2011.

Damals, nach dem Unglück von Fukushima, vollzog Merkel eine Wende: Vorher hatte sie den Atomausstieg gebremst – von da an beschleunigte sie ihn. Die beiden großen Essener Energiekonzerne, RWE und E.on, stürzten in die Krise: Die Atomkraftwerke durften nicht mehr ans Netz, und selbst mit dem billigen Kohlestrom können sie kaum noch Geld verdienen. Mit den Konzernen leiden die Städte: Über 100 Kommunen, vor allem in Nordrhein-Westfalen, halten RWE-Aktien, und die Papiere sind nur noch wenig wert. Besonders hart traf es Essen: In ihrer Bilanz hat die Stadt nach Merkels Wende 700 Millionen Euro verloren.

Für die Essener geht es auch um ihren Stolz: Die Stadt hielt sich lange für die bessere unter den Ruhrgebietsstädten. Als der Bergbau verschwand, war das Loch nicht so groß wie anderswo: Essen hatte RWE, später zog noch E.on aus Düsseldorf ins Ruhrgebiet. Essen nannte sich Deutschlands Energiehauptstadt. Der Wandel ist überstanden, dachten sie in der Stadt – bis zum Frühjahr 2011.

Thomas Kufen, CDU, empfängt in seinem Büro im 106 Meter hohen Rathausturm. Dunkle holzvertäfelte Wände – Kufens Arbeitsplatz sieht aus wie das Zimmer eines Fabrikdirektors aus den 1970ern. Wenn der Oberbürgermeister morgens in sein Büro kommt, geht er manchmal zu seinem Computer und googelt das Aktienvermögen seiner Stadt. "Das ist dann schon ernüchternd", sagt er. Essen besitzt 18,7 Millionen RWE-Aktien: Momentan liegt der Kurs bei 15,50 Euro. 2007 war die Aktie noch mehr als das Sechsfache wert. Schon mehrfach mussten die Essener ihre Vermögensbilanz korrigieren. Das ist schlimm. Aber das Schlimmste ist, dass Essen das Schönste fehlt, was RWE einbrachte: die jährliche Dividende von bis zu 100 Millionen Euro. Seit zwei Jahren gibt es keinen Cent mehr.

Mit dem Geld aus der RWE-Dividende lebte man besser, leistete sich Theater oder Konzerthallen. Oder finanzierte damit den Nahverkehr. Wie in Dortmund oder Mülheim konnten so auch in Essen mehr Straßenbahnen, mehr Busse fahren. Das Geld fehlt jetzt. Vor Kurzem haben sie im Ruhrgebiet die Ticketpreise erhöht. Eingeführt, um die dreckige Energiegewinnung zu reduzieren, wird nun durch die Energiewende das umweltfreundliche Straßenbahnfahren teurer.

Vor dem Treffen mit Kufen hatten seine Mitarbeiter ungefragt schon Grafiken geschickt. Sie lassen sich so zusammenfassen: Es geht abwärts, steil. 2009 überwies der Konzern noch fast 84 Millionen Euro Gewinnbeteiligung. Nun macht er hohe Verluste.