Das erste Mal online gemobbt wurde ich mit zwölf: Im sozialen Netzwerk SchülerVZ diskutierten etwa 20 Mitschüler in der Gruppe "Wir machen Max fertig", ob sie mich vor ein Auto stoßen sollen. Ich war damals auch offline das perfekte Opfer, wog 130 Kilo.

In der siebten Klasse bekamen wir einen neuen Mitschüler. Nach ein paar Wochen fing er an, mich zu schlagen. Er passte mich auf dem Heimweg ab, verprügelte mich hinter der Turnhalle. Ich wehrte mich nicht. Ich habe noch nie jemanden geschlagen und kann mir auch einfach nicht vorstellen, jemandem wehzutun. Das hat er ausgenutzt. Er drohte mir auch Schläge an, falls ich ihm nicht jeden Monat 50 Euro bezahlte. Ich gab ihm mein Taschengeld und mähte bei unseren Nachbarn den Rasen, um den Rest aufzutreiben. Insgesamt bekam er in anderthalb Jahren über 800 Euro von mir.

Anfangs war das Mobbing noch vorbei, wenn ich zu Hause die Tür hinter mir schloss – aber dann fand er meine Handynummer heraus und entdeckte mein Facebook-Profil. Auf Facebook beleidigte er mich unter falschem Namen: "Hässliche Schwuchtel", "Fette Sau", "Pass auf, wo du dich blicken lässt". Meine Facebook-Freunde nahmen das nicht ernst, manche haben die Sprüche sogar gelikt. Die Beleidigungen habe ich sofort gelöscht, obwohl ich wusste, dass es dafür Prügel von ihm gibt. Erst viel später habe ich kapiert, dass ich meine Privatsphäre-Einstellungen ändern konnte.

Er terrorisierte mich auch per SMS: "Hurensohn!", "Dein Leben ist nichts wert." Ständig piepte mein Handy, ich konnte kaum noch schlafen.

Morgens ging ich voller Angst zur Schule. In fast allen Fächern rutschte ich um zwei Noten ab. Sogar an Selbstmord dachte ich. Aber wenn meine Eltern fragten, was los sei, erfand ich Ausreden. Das Ganze war mir peinlich, und ich befürchtete, sie könnten mir den Computer wegnehmen: "Ohne Internet kann dich keiner mobben" – so denken Eltern.

Eines Tages hielt mir mein Peiniger dann an der Bushaltestelle ein Messer an die Kehle. Mitschüler zogen ihn von mir weg. Alles kam ans Licht, kurz darauf flog er von der Schule.

Das ist jetzt drei Jahre her. Ich habe längst damit abgeschlossen und auch eine Schulung bei Juuuport gemacht, einer Organisation für jugendliche Opfer von Cybermobbing. Dort berate ich heute selbst Schüler. Ich empfehle ihnen meist, sich nicht zu verstecken, sondern über das Problem zu reden – mit Lehrern, Sozialarbeitern, Eltern, Freunden. Viele Täter hören auf, sobald ihre Taten bekannt werden.

Haben Sie selbst oder Ihre Kinder oder Schüler Mobbing erlebt? Berichten Sie uns per Mail oder im Kommentarbereich von ihren Erlebnissen.