Wo und wann mich die Sprache verließ, kann ich genau sagen. Es war in der siebten Klasse in einer Französischstunde nach der Aufforderung: "Oliver, lies du mal weiter."

Vorher war so was nie eine große Sache gewesen. Zahllose Male hatte ich lustig losgelesen. Den äußeren Bedingungen nach gab es auch keinen Grund, weshalb es jetzt anders sein sollte. Doch diesmal kam aus dem Nichts ein Bleigewicht, das sich an meinen Kehlkopf hängte und mir die Luft abschnürte. Ich begann zu lesen: "Au marché – (Atemnot, viel zu lange Pause). Devant le stand (... räusper) de (lange, peinliche Pause) Madame (... räusper) Martin il y a (kaum noch hörbar ...) un client." Meine Stimme klang, als würde ich gegen einen Heulkrampf anlesen. Der Rest des Raumes war für mich wie abgedunkelt, nur ich saß im Spotlight der Aufmerksamkeit und versagte.

Diese soziale Katastrophe spielte sich fortan nach derselben Dramaturgie ab, wann immer ich auf Kommando lesen oder vortragen sollte. Fast noch furchteinflößender, als die plötzliche Aufforderung vorzulesen, war, wenn es reihum ging. Jeder liest bitte ein paar Abschnitte, dann übernimmt sein Sitznachbar. In solchen Fällen bildete sich, wenn das Unheil durch die Schulbänke näher rückte, auf meiner Stirn ein Schweißfilm, und aus dem Schlagen meines Herzens wurde allmählich ein Herzrasen, das von einem problemlos lesenden Klassenkameraden zum nächsten immer mehr Fahrt aufnahm. War die Reihe schließlich an mir, brachte ich kaum noch ein Wort heraus. Psychotherapeuten nennen das "Erwartungsangst", wie ich später lernte. Bis dahin sollte ich mich aber erst noch durch ungezählte Lese- und Vortragssituationen quälen, die zudem von Mal zu Mal schlimmer wurden. Die Klassenkameraden und Lehrer wussten ja schon, was bei mir kommen würde. Und ich wusste, dass sie es wussten. Das wiederum wussten sie.

Am schlimmsten war vielleicht, dass nie jemand darüber sprach. Ich hatte den Eindruck, die absolute Normabweichung zu sein. Jemand, der am Einfachsten vom Einfachen scheiterte und dessen Sprachversagen so außergewöhnlich war, dass es auch alle anderen verunsicherte. Nur Klassenclown-Kollege Tilo fragte in der großen Pause einmal verstohlen, was ich denn immer hätte. Ich tat es umgehend ab, keine große Sache.

An einem Abend im Jahr 1986, ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, merkte ich, dass ich nicht allein war. Auf einer Feier, die er im kleinen Kreis für einen Geschäftsfreund ausrichtete, wollte mein Vater sich bei diesem mit einer kurzen Ansprache bedanken. Für Aufträge, die der Freund an das Grafikbüro meines Vaters vermittelt hatte. Es sollten ein paar lockere, persönliche Worte werden. Es wurden qualvoll herausgepresste Worte. Mein Vater hatte es offenkundig auch mit größeren Bleigewichten zu tun. Ich zwang mich, aufzuschauen und die anderen Leute im Raum anzusehen, die auch sichtlich zu leiden hatten. Wenn deine Zuhörer wie im Wachkoma auf den Boden starren oder auf einen Punkt im Ungefähren, dann kannst du mal davon ausgehen, dass auch sie nur noch wegwollen.

Das lag dann wohl in der Familie. Eine Erleichterung war das nicht, meinen Vater als Leidensgenossen zu wissen. Hatte ich vorher schon kaum in Erwägung gezogen, mich mit meinem abnormen Problem an meine Eltern zu wenden, kam es nun erst recht nicht infrage. Redeangst war etwas, was allseits totgeschwiegen wurde. Meinen Vater und mich gleichzeitig bloßzustellen wäre mir nicht eingefallen.

Stattdessen arrangierte ich mich: Nahm es als gegeben hin, dass das Leben dann eben auf dem kleiner gewordenen Spielfeld gelebt werden musste. Entwickelte Strategien, das Angstdrama zu vermeiden: Beim Reihum-Lesen rechtzeitig zur Toilette gehen und lieber mal etwas länger bleiben. Sich um Referate und das Vortragen von Hausaufgaben drücken. Sich bei freiwilligen Wortmeldungen dafür besonders ins Zeug legen, da konnte man ja jederzeit die Notbremse ziehen. Ich nahm Zuflucht in der Klassenclown-Rolle, die für Jungs mit schwerwiegender Teenie-Misere und etwas Gag-Talent ja auch immer bereitsteht.

Dann schlug ich eines Tages den stern auf und entdeckte darin eine große Geschichte über Angststörungen. Ich erfuhr, dass jeder sechste Erwachsene in Deutschland darunter leidet, aber kaum einer je drüber spricht. Ich las, dass "Sozialphobien" weit verbreitet seien und dass Rede- und Vortragsangst typische Symptome seien. Sozialphobien. Wenigstens hatte das Grauen jetzt einen Namen.

Nur: In den möglichen Ursachen, die da genannt wurden, fand ich mich nicht so recht wieder. Frühkindliche Traumata? Bei uns war doch alles normal wohlbehütet. Angst anerzogen? Als ich meinen Vater das erste Mal scheitern sah, war die Phobie bei mir längst da. Eine andere Erklärung, die damals noch eine Mutmaßung war, leuchtet mir schon eher ein: dass so etwas womöglich auch vererbt werden konnte.