Manchmal kam ich mir vor wie in einem Film von Luis Buñuel, dem Meister des Surrealismus. Ich stoppte in meinem roten R 4 an einer Ampel und schaute in die anderen wartenden Autos. Wie in einem Spiegel erblickte ich überall meine eigene Situation, die gleiche Mutter-Kind-Kombination: Am Steuer eine junge Frau und auf dem Rücksitz ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge. Irgendwie festgezurrt, denn es war die Zeit vor der Erfindung verkehrssicherer Kindersitze. Wir Mütter lächelten uns etwas scheu und wissend zu, manchmal hoben wir auch die Hand zum Gruß, bevor wir wieder Gas gaben. Eine selektive Wahrnehmung, gewiss.

Unser Ziel war ziemlich real: gleichaltrige Kinder von Freunden, irgendwo im Großraum Hamburg, mit denen unsere Einzelkind-Töchter und -Söhne spielen konnten. Und die wohnten nun mal nicht um die Ecke. Es waren die Jahre des großen "Pillen-Knicks".

Die spritfressenden Wochenendtouren, die ich von unserem damaligen Haus in Klein-Borstel aus unternahm, machten mir nichts aus. Ich war voller Energie, ich war kräftig, ich war nach heutigen Maßstäben geradezu frivol jung, als unsere Tochter geboren wurde. 26 Jahre alt. Diskriminierungen unterlagen nicht dem Mutterschutz. Auf der Geburtsstation des UKE wurde ich mit "Fräulein Weber" angesprochen, ich war mit dem Vater des Kindes noch nicht verheiratet. Es war ein anderes Jahrhundert. Ein anderes Jahrtausend.

Heute ist fast jede dritte Mutter in Hamburg laut einer neuen Krankenkassen-Statistik bei der Geburt ihres Kinds mindestens zehn Jahre älter, als ich es damals war – nirgendwo in Deutschland ist der Anteil alter Mütter höher.

Würde meine Tochter, das kleine Mädchen von damals in dem roten Renault, mit ihrer Familie nicht in Berlin leben, könnte sie eine von ihnen sein. Sie ist Mutter zweier kleiner Jungs, ihren ersten Sohn bekam sie mit 36, den zweiten drei Jahre später, mit 39. Warum diese späten Schwangerschaften? Die Gründe könnten Listen füllen. Um nur einige zu nennen: Frauen, die erst einmal sicher im Berufsleben stehen wollen. Männer mit veränderten Rollenbildern und Interessen; eine Vaterschaft ist schlicht unsexy und kontraproduktiv. Zu teurer Wohnraum für Familien.

Warum habe ich meine kranke Tochter damals unter dem Schreibtisch abgelegt?

Fest steht: Der Preis für eine Schwangerschaft – eine späte allemal – ist hoch.

Meine Tochter verfügt über eine ordentliche Portion Humor, Mutterwitz und Ironie. Mit 14, 15, in ihren wilden Jahren, zog sie mit ihren Freundinnen an den Wochenenden bis weit nach Mitternacht durch die Discos. Als wir damals ein Schüler-Konto für sie eröffnen wollten, fragte die Haspa-Mitarbeiterin nach einem Passwort für mögliche Telefonauskünfte. Den leicht genervten Blick des unausgeschlafenen Mädchens werde ich nie vergessen. "Müde", war die Antwort. Wie mag 40 Jahre später ihr Code fürs Einwählen ins WLAN-Netz sein? "Erschoepft36" oder "Immeramlimit43"?

Erschöpfte Mütter um die 40 mit kleinen Kindern. Mütter, die noch eine lange Strecke vor sich haben. Die sich möglicherweise zudem im kräftezehrenden Pflichtendreieck zwischen Kindern, Beruf und alten Eltern befinden. Ich sehe sie überall, diese ausgepowerten Frauen: beim Einkaufen, in der U-Bahn, in unserer Verlagskantine oder bei uns um die Ecke an der Grundschule Turmweg, wo morgens und mittags ganze SUV-Flotten anrücken mit dünnhäutigen, Parkplatz suchenden Müttern. Alle diese Frauen, egal, ob privilegiert oder nicht, genießen meine uneingeschränkte Hochachtung für ihre tagtägliche Lebensleistung. Mutter zu sein – kein Kinderspiel. Vor allem: eine berufstätige Mutter. Wobei, zugegeben, diese Haltung habe ich mir selbst erst ganz langsam angeeignet.

Ich erinnere mich an meine Sprachlosigkeit, als eine Kollegin mir in angespannter Arbeitssituation morgens am Telefon mitteilte, sie könne nicht kommen, ihr Kind sei krank. Dazu der Hinweis: "Ich habe ja mein Kontingent noch nicht ausgeschöpft."