Im vergangenen Jahr war er auf einmal da, der See. Von einem Tag auf den anderen standen die Bäume im Wald am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, irgendwo zwischen Bottrop und Oberhausen, nicht mehr auf dem trockenen Boden, sondern im Wasser. Die Jogger, die hier ihre 15-Kilometer-Runden laufen, haben ihm einen Namen gegeben: "Boah-ey-See", nach dem ersten Gedanken, den sie fassen konnten, als sie ihn entdeckten.

Schuld an dem See ist das, was darunter liegt. Denn hier, wo das Stadtleben schon fern ist und Wiesen und Wälder übernehmen, bevor die Bauernhöfe kommen, hier arbeitet die letzte Steinkohlezeche des Ruhrgebiets: Prosper-Haniel. Schacht 10 ist weniger als drei Kilometer entfernt vom neuen See. Und wenn Michael Möhring dort einfährt, 1.200 Meter tief in die Erde, und durch die kilometerlangen Gänge läuft, die es hier gibt, dann steht er irgendwann ziemlich genau unter dem Boah-ey-See.

Möhring arbeitet hier unten. Er ist Bergmann, "30 Jahre auf Zeche", und ein Mann wie ein Berg: groß, breit, still. Einer, der weder Fußball noch Alkohol mag, dafür Fußmärsche unter Tage und "Ruhe, endlich Ruhe".

Die hat er bald. Am 21. Dezember 2018, kurz vor Weihnachten, werden noch mal alle kommen zum Schacht 10: die Ruhrbarone, die Revierfürsten, die Hauer und Steiger. Dann fördert Prosper-Haniel, die letzte Zeche des Ruhrgebiets, noch einmal Steinkohle. Ein letztes Mal. Das war es dann mit dem Kohlenpott. "Isso", sagt Möhring.

Ist das ein Verlust?

Aus Sicht der Politik offenbar nicht. Wenn am Sonntag in Nordrhein-Westfalen gewählt wird, gibt es keine Partei, die die Steinkohle wiederhaben will. Sie war kein Thema bei den Wahlduellen im Fernsehen. Auf den Wahlplakaten taucht sie nur noch am Rande auf. Etwa wenn auf dem SPD-Plakat eine Frau am Apple-Bildschirm sitzt, mit Mops und Rennrad – und im Fenster im Hintergrund verschwommen ein Förderturm zu sehen ist. Während sich in Amerika Präsident Donald Trump mit den Kohlekumpeln verbrüderte und ankündigte, den "war on coal", den "Krieg gegen die Kohle", zu beenden, ist es in Nordrhein-Westfalen still. Die Politiker sind, so scheint es, ziemlich froh, das Thema los zu sein. Der Kampf ist verloren, die Kämpfer sind müde oder in Frührente.

Heimlich ist die Kohle aber doch eines der wichtigsten Themen dieser Wahl. Es geht um die Wirtschaftspolitik in einem Bundesland, das nicht so stark vom Aufschwung profitiert hat wie andere. Das Ruhrgebiet spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Arbeitslosenquote ist dort besonders hoch, und die verfügbaren Einkommen sind besonders niedrig. Das hat auch mit der Kohle zu tun – oder vielmehr mit der Politik, die an ihr festhielt. So hat sie manchen Menschen im Ruhrgebiet Wohlstand gesichert, für den nun deren Kinder bezahlen.

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Ist es also ein Verlust, dass bald die letzte Zeche schließt?

In Revier 6, Flöz H, hockt Michael Möhring zusammengekauert im Gang, den man hier Streb nennt, und schreit gegen den ratternden Hobel an. Dunkel ist es und laut. Über Möhring der Schild, ein Schutz an Wand und Decke, damit ihm die Welt nicht auf den Kopf fällt: 1.200 Meter Steine und Erde. Vor ihm der Hobel, der die Kohle von der anderen Wand und der Decke poltert. Hier unten redet man sparsam: kurz, knapp, fluchend. "Du blödes Arschloch, was hast du da gemacht?" Das, so versichert Möhring, sei ein ganz normaler Satz hier, den keiner übel nehme. "Meine Frau sagt: Wenn ich so mit ihr reden würde wie mit meinen Kumpels, dann würde sie sich scheiden lassen."

Wahlkampf in NRW - Der Pott und die FDP Der Ruhrpott gilt als Kernland der SPD, warum kann die FDP ausgerechnet hier punkten? Eine Reportage aus Essen © Foto: Zeit Online