Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht. Ja, die Schweiz kriegt dieser Tage wieder einmal die eigene Vergangenheit um die Ohren gehauen. Die Sache mit der Steuerhinterziehung, die dem Land erst viel Geld, dann viele Probleme brachte, sie ist gelöst, aber nicht ausgestanden. Das zeigt die Affäre um den mutmaßlichen Spion Daniel M.

Allein dass publik wurde, was nun publik ist, zeigt, wie wenig die alten Wunden verheilt sind. Üblicherweise werden Fälle von enttarnten Spionen diskret, also diplomatisch geregelt. Schließlich ist es an sich nichts Besonderes, dass Nachrichtendienste bei guten Freunden tätig sind. Auch bei best friends.

Nicht so im Fall Daniel M. Die deutsche Bundesanwaltschaft ließ den 54-jährigen Schweizer Agenten Ende April in einem Luxushotel in Frankfurt am Main festnehmen. Sie wirft ihm vor, für den Geheimdienst einer "fremden Macht" gearbeitet zu haben – also für die Schweiz. Konkret soll er zwischen 2010 und 2014 im Auftrag des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB) deutsche Steuerfahnder bespitzelt haben. Diese spürten ihrerseits Landsleute auf, die ihr Geld illegal auf Schweizer Bankkonti parkiert hatten. Die Fahnder taten das, indem sie CDs mit Steuerdaten kauften.

Die Schweizer tun alles für Geld – das Vorurteil hält sich hartnäckig

Der Fall wurde zur Staatsaffäre. Berlin beorderte die Schweizer Botschafterin ins Außenministerium, deutsche Politiker übertrafen sich in ihrer Empörung über den "Affront". "Inakzeptabel" sei der Fall, sagte der sozialdemokratische Justizminister Heiko Maas. Sein Amtskollege und Genosse in Nordrhein-Westfalen, Thomas Kutschaty, forderte im Spiegel eine offizielle Entschuldigung der Schweiz und sah die Beziehung zum Nachbarn "auf einem historischen Tief" angekommen, während SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz verlangte: Nun müsse man "sehr ernsthafte Gespräche mit der Schweiz" führen. Und im Kölner Stadt-Anzeiger meinte der auch hierzulande berühmt-berüchtigte Finanzminister Norbert Walter-Borjans aus Nordrhein-Westfalen: Wenn die Schweiz deutsche Steuerfahnder ausspioniere, dann sei dies "nicht gerade ein Beleg für den vehement propagierten Sinneswandel der Eidgenössischen Finanzindustrie".

Dass der Sinneswandel spät, aber doch noch stattgefunden hat, schien vergessen. Dass der Steuerstreit zwischen den beiden Ländern beigelegt und der automatische Informationsaustausch nächstes Jahr in Kraft tritt? Nicht der Rede wert. Das Klischee des tumben Schweizers, der alles für sein Geld tut, wird herzhaft bedient.

Schweiz - Keine Stellungnahme zu Spionagevorwurf Nach der Festnahme eines Schweizers in Frankfurt hat Verteidigungsminister Guy Parmelin eine Stellungnahme abgelehnt. Der Mann soll deutsche Steuerfahnder ausspioniert haben. © Foto: Ruben Sprich/Reuters

Ach, die Deutschen!, heißt es derweil in der Schweiz. Alles Wahlkampf-Gedöns. Und sowieso: Wenn die Deutschen uns Spione schimpfen, schimpfen wir sie Diebe. Der Präsident der Geheimdienstaufsicht im Schweizer Parlament, Alex Kuprecht, gibt zwar zu, die Operation sei "problematisch". Um dann, im Blick, wieder über den Rhein zu tönen: "Auch die CDs mit Bankdaten haben die deutschen Behörden nicht auf stubenreinem Weg erhalten."

Hinter den Kulissen, heißt es, hätten sich die beiden Außenminister Sigmar Gabriel und Didier Burkhalter inzwischen telefonisch ausgesprochen. Am vergangenen Dienstag meinte Burkhalter: "Wir müssten das ein bisschen vergessen." Das? "Das" sind die Jahre, in denen das Verhältnis der Schweiz zu Deutschland wegen des Steuerstreits tatsächlich auf einem Tiefpunkt war. Ob Vergessen eine gute Taktik ist? Der Fall Daniel M. beweist das Gegenteil.

Aufarbeiten wäre die bessere Option.