Sie hat den prominentesten Platz am Fenster des Café Paris gewählt. Dort wird Susann Atwell, 49, auch direkt von einer Society-Journalistin entdeckt. Atwell war in den Neunzigern Deutschlands bekanntestes Boulevard-Gesicht, jahrelang moderierte sie fürs Privatfernsehen Promi-Sendungen und die Oscarverleihungen. Heute ist es ruhiger um sie geworden.

DIE ZEIT: Frau Atwell, werden Sie noch auf der Straße erkannt?

Susann Atwell: Seltener als früher. Vor allem werde ich weniger angesprochen. Ist trotzdem jedes Mal schön.

ZEIT: In den Neunzigern waren Sie die bekannteste Boulevard-Moderatorin von ProSieben. Stimmt es, dass die Sendung SAM nach Ihnen benannt wurde? Susann Atwells Magazin?

Atwell: Nein, das war Zufall.

ZEIT: War das Ihre beruflich erfolgreichste Zeit?

Atwell: In jedem Fall war es ein rasanter Start. Ich bin fast zehn Jahre in München bei ProSieben geblieben.

ZEIT: War es auch die finanziell erfolgreichste?

Atwell: Definitiv. Es waren die neunziger Jahre, der Beginn des Privatfernsehens. Die Foyers der Sender waren noch mit Gold gepflastert.

ZEIT: Das TV-Geschäft war glamouröser als heute?

Atwell: Gewohnt wurde grundsätzlich in Fünf-Sterne-Hotels, wir flogen Businessclass. Ich hatte ein sehr gutes Gehalt, zumal mit Mitte zwanzig. Das Geld war da, ich habe es gern verdient und noch lieber wieder ausgegeben. Heute arbeite ich für öffentlich-rechtliche Sender, in denen qua Auftrag ein anderes Klima herrscht. Dafür schätze ich den Umgang mit den Menschen dort.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Atwell: Privatfernsehen war schon mehr ein Geschäft im American style, alles war ein bisschen härter.

ZEIT: Was brachte Sie damals zum Fernsehen?

Atwell: Ich kam gerade aus Berlin, wo ich Theaterwissenschaften studiert und abgebrochen hatte. Ich modelte ein bisschen. In der Zeit suchten sie beim Pay-TV-Sender Premiere in Hamburg neue Gesichter.

ZEIT: Was hat Sie daran gereizt?

Atwell: Ich bin da eher reingestolpert. Ich komme aus einer Generation, für die Fernsehen etwas Besonderes war. Ich habe als Kind viel Fernsehen geguckt, damals mit nur drei Programmen. Aber ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, zum Fernsehen zu gehen. Ich wollte Künstlerin werden, dann auf Lehramt Kunst studieren, dann Archäologie und Germanistik ...

ZEIT: Klingt etwas planlos.

Atwell: Unbedingt. Als ich 23 war, gab es dieses Casting für Premiere. Ich dachte, ich versuche es einfach. In einer zum Studio umgebauten Herrentoilette las ich Nachrichten vom Teleprompter ab. Ich habe mich merkwürdig gefühlt, habe es aber ganz gut hinbekommen. Ich bekam den Job.

ZEIT: Wie haben Ihre Eltern reagiert?