Mit Angeboten zur besseren Orientierung wollen die Unis vor allem Frauen für technische Fächer begeistern.

Homer Simpson steht im Gitarrenladen und kann sich nicht entscheiden. An den Wänden hängt eine Gitarre neben der anderen, jede ein bisschen anders. Welche soll er nur nehmen?

Im Hörsaal H1028 der TU Berlin sitzen Studenten, denen es gerade ganz ähnlich geht: 8.600 Bachelorstudiengänge. Welchen sollen sie nur nehmen? Deshalb zeigt ihnen der Dozent Jochen Schwab diesen kleinen Filmausschnitt aus den Simpsons. Seine Vorlesung ist Teil des Orientierungsstudiums der TU Berlin. Zwei Semester lernt man dabei, wie die Uni funktioniert, ohne sich entscheiden zu müssen, was man an ihr lernen will.

Die Berlinerin Ulrike Niederschuh hatte schon ein Medizinstudium sicher, da kam ihr der große Zweifel. "Mich interessiert fast alles", sagt sie zu ihrem Dilemma. Ihr Abitur schloss sie mit 1,0 ab, ihre Leistungskurse waren Mathe und Englisch, mit 17 Jahren war sie in ihrem Jahrgang bei den Jüngsten. Sie kann sich vorstellen, etwas Mathematisch-Technisches zu studieren. Die Hälfte aller Studiengänge dieser Art klang interessant, und unter vielen anderen konnte sie sich nichts vorstellen. Deshalb bewarb sie sich für Medizin. Dann der Rückzieher und nun das Orientierungsstudium.

Selbst entscheiden

"Mintgrün" heißt das Programm der TU Berlin, das seine Teilnehmer vor allem mit Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Technik vertraut machen will. Sie erfahren, worum es in Fächern wie Werkstoffwissenschaften oder Economics geht, was Universitäten anders machen als Fachhochschulen und worin sich geisteswissenschaftliche von technischen Studiengängen unterscheiden. Ulrike Niederschuh hat seit Oktober vergangenen Jahres Lineare Algebra und Informatik belegt und Spanisch gelernt. In Robotics hat sie eine autonome Marshmallowkanone gebaut, die Gesichter erkennen und einen Marshmallow direkt in den Mund feuern kann. Wenn sie davon spricht, strahlt sie. Vor dem Studium hat sie sich Sorgen gemacht, sie könnte an einer Massen-Uni untergehen und sich möglicherweise nicht zum Lernen motivieren. Jetzt gefällt es ihr, selbst zu entscheiden, ob sie in eine Veranstaltung geht oder lieber das Skript durcharbeitet.

Als die TU Berlin "Mintgrün" vor vier Jahren einführte, meldeten sich 77 Studenten an, inzwischen sind es 500. Teilnehmen kann jeder, die Plätze sind nicht begrenzt. Es ist das größte von rund 15 Programmen in ganz Deutschland.

Orientierungsprogramme gelten an den Hochschulen als eine Art Breitbandmedikament, als gutes Mittel, um gleich mehrere der drängendsten Probleme auf einmal zu lösen: Mehr und mehr junge Menschen strömen an die Hochschulen, sie sind durch die verkürzte Schulzeit sehr jung, tun sich oft schwer mit der Wahl eines Faches und der Uni-Kultur, und sie bringen ein sehr unterschiedliches Vorwissen mit, was den Unis zunehmend zu schaffen macht. Überlaufene Veranstaltungen, überforderte Erstsemester und hohe Abbrecherquoten sind die Folge. Alle wollen studieren, aber nicht jeder schafft es.

Wäre es da nicht viel besser, wenn die Studienanfänger gut vorbereitet und motiviert mit einem Fach beginnen würden, bei dem sie dann auch bleiben, während die anderen die Uni wieder verlassen, ohne zu viel Zeit verloren zu haben? Genau dafür sollen die neuen Orientierungsangebote sorgen.