"Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben" – mit dieser Weisheit soll der spätrömische Gelehrte Boethius den Ansehensverlust beschrieben haben, den ein Mensch sich selber durch dümmliche öffentliche Äußerungen zufügt. Wenn Torsten Albig geschwiegen hätte, wäre er dem Land Schleswig-Holstein als Ministerpräsident vielleicht erhalten geblieben. Doch er konnte nicht! Irgendeine Macht trieb den Sozialdemokraten dazu, sich im Wahlkampf mit seiner neuen Lebensgefährtin in der Illustrierten Bunte ablichten und über sehr intime Dinge ausfragen zu lassen. Etwa über die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau: "Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres", erklärte Albig der Bunte- Interviewerin. Er habe sich mit der Gattin kaum mehr "auf Augenhöhe" ausgetauscht. Denn: "Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen."

Solidarität ist ein Reflex. Ob jemand ein anständiger Kerl ist, zeigt sich oft spontan und binnen Sekunden. Hier aber kam zum Reflex noch die Reflexion hinzu, denn Albig muss sein Interview gegengelesen und abgesegnet haben. Und auch die neue Frau an seiner Seite, die – allen Ernstes (!) – auch noch seine politische "Strategieberaterin" ist, muss ihr Plazet zu dieser Passage gegeben haben, offenbar ohne deren Brutalität zu erkennen – gegenüber einer Verlassenen, die wohl jahrelang treu Albigs Familienkarren gezogen hatte und ihm nun nicht mehr gut genug erschien.

Albig wurde als Ministerpräsident abgewählt, wie wir wissen, die Schleswig-Holsteiner wollen ihn nicht mehr. Am Wahlabend konnte er sich die Niederlage nicht erklären. "Ganz offensichtlich haben wir Dinge falsch eingeschätzt", vermutete der Wahlverlierer ratlos in die Kameras. Dabei dürfte eher er selbst es sein, der Opfer einer totalen Fehleinschätzung der eigenen Person geworden war. Angesichts der absoluten Personalisierung des Politikbetriebs hätte Albig damit rechnen müssen, dass Leute wie er die Rechnung kriegen. Denn er dekuvrierte – den vermeintlich sicheren Wahlsieg vor Augen – ganz en passant eine schäbige Seite seines Charakters. Aus dem Narren bricht das Wort wie das Kind aus der Mutter, heißt es im Alten Testament.

Doch Albig ist nicht der Erste, dem sein Drang zur Selbstdarstellung – welchem die Bunte stets eine unvergleichliche Bühne bietet – zum Verhängnis wurde: Schon der einstige SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping erlag 2001 der Verlockung, die Öffentlichkeit mit Swimmingpool-Bildern seines neuen Glücks mit der "Staranwältin" Kristina Gräfin Pilati zu bombardieren (Cover: Total verliebt auf Mallorca) , derweil sich seine Soldaten auf einen riskanten Nato-Einsatz im Balkankrieg vorbereiteten. Der Auftritt wurde im Spiegel als "neuer Tiefpunkt des deutschen Polit-Entertainments" gegeißelt und kostete Scharping alsbald das Amt. Das Paar hat sich inzwischen getrennt.

Der Hamburger Interimsbürgermeister Christoph Ahlhaus von der CDU, der 2010 auf Ole von Beust gefolgt war, brachte es lediglich auf 96 Tage Amtszeit – ein gemeinsames Bunte-Interview mit Gattin Simone ("strahlend, blond, schlau und von mitreißender Herzlichkeit") bereitete seiner Karriere einen jähen Knick. Das Paar ließ sich von dem Klatschblatt, in glitzernder Abendgarderobe ans monarchistische Dekor des Kaminzimmers eines Hamburger Luxushotels geschmiegt, in Szene setzen – während der Senat über ein Millionen-Sparpaket beriet und Hamburger Polizeibeamte gegen die Kürzung ihres Weihnachtsgeldes demonstrierten.

Oben wähnt sich, wer in der "Bunten" steht – am besten mit einer neuen, schnittigeren Frau

Offenbar gibt es im Politbetrieb nicht wenige Männer, die glauben, sie hätten es erst dann wirklich nach oben geschafft, wenn sie in der Bunten stehen – am besten mit einer neuen, schnittigeren Frau, die endlich zum großen, schnellen, wichtigen Leben passt. Ihr Drang, sich dergestalt dem Volk auf Hochglanz zu präsentieren, muss so beträchtlich sein, dass sie blind werden für alle Peinlichkeiten und Gefahren und auch für die mahnenden Beispiele untergegangener Vorgänger.

So gesehen, könnte der Schleswig-Holsteiner Torsten Albig (politstrategisch schlecht beraten, abgewählt und nunmehr ernüchtert) jetzt auch wieder nach Hause zurückkehren zu seiner Ehefrau. Und sich zu ihr ans Herdfeuer setzen, ganz auf Augenhöhe. (Wenn sie ihn noch will.)