Und dann ist Schluss. Der schockstarre Junge am Radio will es nicht fassen. Nicht Jena, der Meister, holt den FDGB-Pokal, obwohl der turmhohe Favorit schon nach 30 Sekunden führt. Der Außenseiter Union Berlin egalisiert per Elfmeter, schießt das 2 : 1, rettet mit letzter Lunge den Sieg.

Diese Sensation geschah am 9. Juni 1968 im Kurt-Wabbel-Stadion zu Halle. Im August rollten die sowjetverbündeten Panzer in die Tschechoslowakei und beendeten den Prager Frühling. Das kostete den FC Carl Zeiss Jena wie den 1. FC Union Berlin die Teilnahme am Europapokal. Jena gewann später noch vieles, Union nichts. Bis zum Abpfiff der DDR pendelten die Köpenicker im Fußball-Fahrstuhl zwischen Oberhaus und Untergeschoss. Und pflegten einen Mythos: Wir sind Opfer.

Wirklich? Die DDR-Oberliga umfasste 14 Vereine. Nach Unions Aufstieg 1966 kamen drei davon aus Berlin – zu viele, wie die Sportführung fand. Also wurde 1969 der Primus, der Serienmeister und Armeesportklub ASK Vorwärts, nach Frankfurt (Oder) versetzt. Die parteioberen Schützer des Armee-Vereins erwiesen sich als schwächer als die des Zivilclubs Union, der allerdings nie zu den Förderzentren zählte. Die ASK-Umsiedlung nützte vor allem dem Berliner FC Dynamo, bis dato eine graue Maus. Fortan prosperierte Erich Mielkes Leibverein. Er verstärkte seinen landesweiten Zugriff auf Talente, erzwang "Delegierungen" und gewann von 1979 bis 1988 ununterbrochen die Meisterschaft. Auswärts empfing den BFC blanker Hass. Das Volk bepöbelte die vorzügliche Mannschaft stellvertretend für das SED-Regime. Die BFC-Fans genossen das und brüllten: "Erich Mielke, unser Führer!"

Fußball-Images sind meist romantisch. Union, zu Kaiserzeiten von Oberschöneweider Schlossergesellen gegründet, empfand sich als Arbeiterclub. Gab es denn bürgerliche Vereine in der DDR? Plausibel blieb der Kontrast zum BFC. Zu Union strömten parteiferne Proleten, Hippies, Hools und sonstige Ideologiebeschmutzer und sangen: "Lieber ein Verlierer sein, als ein dummes Stasi-Schwein." Der BFC spielte stadtmittig, im Jahn-Sportpark. Unions Heimat heißt Wuhlheide, das Stadion Alte Försterei. Namensgerecht boten die "Eisernen" einen unerbittlichen Kampffußball, dessen Widerstandsästhetik ähnlich gefeiert wurde wie in Leipzig der Bolzsport der BSG Chemie.

Große Siege blieben selten und deshalb unvergesslich. Am 4. September 1976 bezwang Union den BFC mit 1 : 0, weil Torwart Wolfgang Matthies wie ein Halbgott hielt, sogar einen Elfmeter. Die fassungslosen BFCer schworen Revanche. Am 19. Februar 1977 verloren sie auch das Rückspiel 0 : 1, wobei Matthies, abermals Elfmeter-Töter, seine Gottwerdung vollendete. Im Jahr darauf beharkten sich die Stadtrivalen im Pokal. Das Hinspiel gewann der BFC 8 : 1; die ersten fünf Treffer schoss Hans-Jürgen Riediger, der blonde Blitz aus Finsterwalde. In einem Anfall von Ohnmachtswut drosch Matthies Riedigers verlorenen Schuh durchs Stadion. Riediger, eingeschüchtert, gelangen im Rückspiel (7 : 1) lediglich die Tore eins bis drei.

Wer alte Unioner nach ihrer glücklichsten Oberliga-Erinnerung fragt, erhält zur Antwort: Karl-Marx-Stadt. Am 28. Mai 1988 brauchen die "Eisernen" zum Saisonfinale einen Auswärtssieg. Zweimal geraten sie in Rückstand. Kurz vor Ultimo gleichen sie aus. Schiri Heynemann pfeift ab – nein, einen allerletzten Freistoß für Union. Hirsch löffelt von rechts in den Strafraum, Seier köpft, Pfosten, Nachschuss Maek, abgewehrt, zweiter Nachschuss Maek. Drin! 3 : 2! "Ein Tollhaus!", schreit Reporter Wolfgang Hempel. "Wissen Sie, was das bedeutet?" Nicht Union steigt ab, sondern Vorwärts Frankfurt, das im gesamten Spieljahr nur eine Sekunde in der Todeszone verbringt – die letzte. 0 : 1 verlieren die Volksarmisten – beim BFC.

Zum BFC gehörten freilich einst auch Unions Siegtorschütze Mario Maek, wie Kapitän Olaf Seier, wie Norbert Trieloff, wie Ralf Sträßer, Unions einziger Oberliga-Torschützenkönig (14 Treffer 1985/86). Der berühmteste Wanderer zwischen den Welten Union und BFC war der Nationalverteidiger Reinhard Lauck. 1974, beim 1 : 0 der DDR über den späteren Weltmeister BRD, degradierte er Overath und Netzer zu Statisten. 1976 wurde er in Montreal Olympiasieger. 1997 starb er am Alkohol. Seine Tragödie erzählt Alexander Osangs wunderbare Reportage Ick bin doch Mäcki, kennste ma nich?

Ich ging zu Ostzeiten zu Union und zum BFC, der nahe meiner Studentenbude kickte. Ich zahlte eine Mark und einen Groschen, pflanzte mich, fern vom Krawall, neben einen Opa mit Zigarre und lauschte per Kofferheule der Oberliga-Konferenz. Ich liebte Jena und mochte die Kleinen: Chemie Böhlen, Wismut Aue, natürlich auch Union. Die DDR ging unter wie ihr Sportsystem. Mit der Industrie kollabierten die Sponsoren. Zu Hunderten entliefen die Spieler gen Westen. Große Ost-Vereine stürzten ab, die Mauerblümchen Hansa Rostock und Energie Cottbus sprossen empor.

Union stand lange auf der Kippe. 1993 gelang die Qualifikation zur zweiten Liga. Sie wurde mangels finanzieller Sicherheiten vom DFB annulliert, nach einem Kriminalfall à la Olsenbande: Unions Manager hatte am Kopierer eine Millionen-Bankbürgschaft gebastelt und die liebevolle Heimarbeit nach Frankfurt am Main gefaxt. Auch im Jahr darauf verweigerte der DFB dem überschuldeten Verein die Lizenz.

Inzwischen wirtschaftet Union solide. Droht bald der Aufstieg in die erste Liga? Wie passt der Hochfinanz-Fußball ins Köpenicker Heimatmilieu? Viele Fans bangen um den bodenständigen Charme, die Stehplatz-Kultur im selbst gebauten Stadion, die Mitbestimmung in den Gremien des Vereins, das Weihnachtssingen ... Bislang gilt: Wärmer als bei Union wird’s nicht in Berlin. Davon kündet ein klassischer Union-Choral: Der Vater im Zuchthaus gestorben / Die Mutter liegt todkrank im Bett / Die Schwester zur Hure geworden / Was soll ich allein auf dieser Welt / Union, Union über alles / Deutschlands unsterblichstes Team / Denn Union wird niemals zerfallen / Eisern Union aus Berlin.