Neulich auf der Gegengerade. Serkan will wissen, ob ich ihm helfen könne, für die nächste Saison eine Dauerkarte klarzumachen. Was fällt dem bloß ein?, denke ich. Ist vor ein paar Monaten aus Erdoğanland nach Berlin geflohen, hat seitdem zwei Spiele an der Alten Försterei gesehen und träumt davon, Dauergast auf Deutschlands schönster Gegentribüne zu werden. Im Grunde hätte ich mich freuen können, dass Serkan, ein erfolgreicher Karikaturist, erahnt hat, worauf es beim 1. FC Union Berlin ankommt: Wer richtiger Unioner sein will, findet sich zu jedem Heimspiel der Eisernen im Heiligtum, Wohnzimmer, in der Pilgerstätte (oder im Mekka, je nach Wunsch) und Herzkammer des Vereins ein; egal, gegen wen es geht und auf welchem Tabellenplatz der Club rangiert. Aber nein, ich freute mich nicht. Ich fand Serkans Wunsch abwegig. Die Antwort auf die Frage, wie lange man Unioner ist, ist so etwas wie ein unausgesprochenes Distinktionsmerkmal. In gewisser Weise existieren Parallelitäten zwischen Fußball und Einwanderungsgesellschaft. Die, die schon da sind, erheben Anspruch auf eine als selbstverständlich verstandene Zugehörigkeit, die mit Privilegien ausgestattet ist – und fühlen sich durch neu Hinzugekommene bedroht. Sie befürchten, ihren Platz zu verlieren, in der Gesellschaft oder eben im Stadion an der Alten Försterei, in Berlin-Köpenick. Eingewanderte können hier Geflüchtete aus Syrien, dort Start-up-Unternehmer vom Prenzlauer Berg sein.

Dass Union neuerdings immer mehr Menschen anzieht, hat damit zu tun, dass das Team von Trainer Jens Keller ernsthaft an den Toren der Ersten Bundesliga rüttelt – auch wenn es momentan so aussieht, als würde es nichts mit dem Aufstieg. Aber der Traum zählt und es gilt: immer weiter. Mit Union wäre wieder ein Ost-Traditionsclub in Liga eins. Auf einmal rennt gefühlt ganz Berlin zu den Spielen des Vereins. Und viele, die schon immer zu Union laufen, fragen sich: Macht der Erfolg den Club kaputt?

Wer sich nur dieses Erfolgs wegen nach Köpenick begibt, kann sich darauf gefasst machen, mit der Unterstellung konfrontiert zu werden, opportunistisch zu sein. Die mögliche, lapidare Entgegnung, man fände Union viel cooler als Hertha, den West-Berliner Club, ist nur vermeintlich eine lässige Antwort. Denn der Vergleich mit Hertha hinkt, besonders seit sie mit dem Slogan "We try. We fail. We win" Berlin zukleistert und den Eindruck erweckt, die Hauptstadt könnte auf das Kreativprekariat reduziert werden. Klar gefällt es mir, dass Serkan sich für Union entschieden hat. Bevor er aber in den Genuss einer Dauerkarte kommt, haben andere den Vortritt, die sehr viel länger Unioner sind, zuerst jene, deren Fanvita einige DDR-Oberligen schmücken. Gut, damit kann ich nicht glänzen, was nicht weiter tragisch ist, aber Momente der Ausgrenzung mit sich bringt. Sie führen zu Erfahrungen, nicht richtig dazuzugehören, etwa dann, wenn ich Pointen verpasse, die auf den Alltag in der DDR rekurrieren, der mir unbekannt ist. Auch verwirrt mich die Gradlinigkeit vieler Unioner, die sich erst gar nicht die Mühe machen, mit sprachlicher Verve ihre Meinung zu kaschieren. Sie sagen sie mir direkt ins Gesicht. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich diese und andere Formen des Umgangs gegenüber Dritten verteidige, vor allem gegenüber jenen, die sich wundern, dass ausgerechnet so jemand wie ich zu Union hält. Noch immer geht für viele in meinem Umfeld nicht zusammen, dass ich mit Einwanderungsgeschichte und antirassistischer politischer Sozialisation Anhänger des 1. FC Union sein kann, wo doch Union rechts sei, ein Kartoffelverein im AfD-Land. Als ich 2001 nach Berlin kam, hatte ich ähnliche Vorurteile. Union? War das nicht der Club im tiefen Osten? Wer ging denn zu denen? Hools und Neonazis. Diesen Vorurteilen begegnete ich in den ersten Berlin-Jahren ständig, vor allem von Kanakstern aus Kreuzberg. Wahrscheinlich denken viele noch so.

Dabei ist der 1. FC Union nicht anders als Deutschland. Ich habe in der Alten Försterei neben Fans gestanden, die nicht müde wurden, ihrem rassistischen Ressentiment freien Lauf zu lassen, und dabei hofften, mich provozieren zu können. Ich ließ mir nichts anmerken, obwohl mich ihr Gerede nervte. Eigentlich fasziniert Fußball mich, weil ich Teil einer Gemeinschaft sein kann, ohne darauf reduziert zu werden, der Türke zu sein, oder der Deutschtürke, oder der mit Migrationshintergrund. Ich erfreute mich aber in der Försterei auch daran, dass sich zwei Studierende in der Halbzeitpause angeregt über das Buch Rückkehr nach Reims von Didier Eribon austauschten.

Traditionsclub, Ost-Club, St. Pauli des Ostens, für den 1. FC Union Berlin existieren viele Zuschreibungen. Sein Zauber liegt aber auch darin begründet, dass sich dieser Verein nicht so definieren lässt. Er ist viel stärker von Vielfalt und Individualität geprägt, als manch einer es wahrhaben will. Das führt zu Irritationen und Konflikten, ermöglicht aber auch Begegnungen, die anderswo wegen sozialer Trennungslinien nicht mehr stattfinden. So kann es passieren, dass ein Neuköllner Hipster und ein Köpenicker Malocher gemeinsam Union anfeuern, wobei der eine dabei Sneakers trägt, die so viel gekostet haben wie der gesamte Kleiderschrank des anderen. Mag sein, dass dies auch in anderen Stadien Deutschlands Realität ist, aber wahrscheinlich sind die Unterschiede nirgendwo so augenfällig. Schwer zu sagen, was bei all dieser Diversität Unioner zusammenhält. Der sportliche Erfolg kann es nicht sein. Denn dass das Sportliche überhaupt eine entscheidende Rolle spielt, ist eher ein neueres Phänomen. Lange schienen für viele Unioner guter Fußball und Tabellenplatz Angelegenheiten anderer zu sein. "Scheiße, wir steigen auf" – diese Union-typisch artikulierte Erkenntnis, zuerst von Fans als Banner auf der Waldseite hochgehalten und dann zum Fangesang weiterentwickelt, markiert die Ungläubigkeit über den plötzlich möglich erscheinenden historischen Erfolg. Noch immer sind andere Aspekte wichtiger: die Nähe zu Spielern und zum Spielfeld, sich während des Spiels heiser zu schreien und Fußball nicht zu konsumieren, sondern zu leben. Leben meint: parteiisch zu sein, Position zu beziehen und diese merkwürdige Gelassenheit an den Tag zu legen, wenn ein Spiel verloren geht. Bei Union heißt Fußball leben mitanzupacken, selber zu machen, alles umzuschmeißen und wieder neu anzugehen. Das wird wohl auch dann gelten, wenn der Aufstieg versemmelt werden sollte. Wer nicht auf Union-Droge ist, kann aus dem aktuellen Kader möglicherweise keine drei Spieler nennen. Aber es ist erstaunlich, wie viele, auch weit außerhalb Berlins, wissen, dass Unioner ihr Stadion teilweise selbst gebaut haben, zu Zigtausenden gemeinsam Weihnachtslieder singen und für ihren Verein Blut spenden. Diese besondere Leidenschaft seiner Fans bildet die Grundlage für alles, was der 1. FC Union Berlin bisher erreicht hat.

Es wäre aber naiv, all das zu verklären. Denn der Verein ist Teil der kommerzialisierten Fußballindustrie und proklamiert darin einen Grad an Selbstbestimmung, die weiter geht als bei den allermeisten Clubs im Profifußball.

Der 1. FC Union Berlin hat mich verändert

Union wäre nicht Union, wenn der greifbare Aufstieg in die Erste Bundesliga unter den Fans nicht kontrovers diskutiert würde. Viele fürchten nicht ganz zu Unrecht, dass der Aufstieg den Verein dazu zwingen werde, sich weiter zu verändern. Sie treibt die Sorge um, ihr Verein müsste sich dann noch mehr Verwertungslogiken des Fußballbusiness unterwerfen. Die schlechte Nachricht ist, dass kein Profiverein sich Marktdynamiken entziehen kann, selbst der 1. FC Union nicht. Wenn die Befürchtung aber darin begründet sein sollte, dass durch die Zugehörigkeit zur Babo-Liga die eigene Fußballkultur zerstört werden könnte, dann erscheint mir das eher als Ermahnung an sich selbst, auch künftig für eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu kämpfen. Die Gefahr des Verlusts der Eigenständigkeit lauert nicht nur im Aufstieg, sondern darin, dass Unioner ihren Einfluss auf den Verein einbüßen könnten. Von heute aus betrachtet kann ich mir das nicht vorstellen.

Ich zweifle schon länger, ob es richtig ist, sich damit abzufinden, Minderheit zu sein oder dafür gehalten zu werden. So frage ich mich, warum der 1. FCU ein exotisches Kuriosum bleiben und zum fußballerischen Weltkulturerbe erklärt werden sollte. Was habe ich davon, wenn restalkoholisierte Fußballfans aus England und anderswo in der Alten Försterei vorbeischauen, um sich nostalgisch an ihren alten Fußball zu erinnern und dann wieder in ihre Premier-League-Welt zu verschwinden?

Es ist schon merkwürdig, der 1. FC Union Berlin hat mich verändert, ohne dass es mir zunächst auffiel. Seit ich Unioner bin, pfeife ich Spieler meiner Mannschaft nicht aus. Ich beschimpfe sie nicht, egal wie folgenschwer ihre Fehler auch sind. Ich bin jedes Mal aufs Neue verwundert, dass ich Gänsehaut bekomme, wenn in der Halbzeitpause der Stadionsprecher Grüße gen Himmel schickt, weil unter der Woche ein Unioner gestorben ist und jetzt von da oben mit uns und der Mannschaft mitfiebert. Das hat durchaus etwas von pathetischem Kitsch. Gleichzeitig versteckt sich darin diese verdammt berührende Anrufung von Gemeinschaft, die sogar über das Leben hinaus währt.

Ich feiere in diesem Jahr meine zehnte Saison als Union-Fan und mache mir Gedanken, ob ich irgendwann als richtiger Unioner gelten werde, also einer, der sich nicht erklären muss.

Steven Skrzybski, ein Union-Spieler, dem ich irgendwann lauschen will, wie er am Telefon seinen Nachnamen buchstabiert, erklärte jüngst, dass es sein Traum sei, dieses Jahr aufzusteigen. Mich elektrisiert diese Vorstellung auch. Ich habe davon geträumt, wie Toni Leistner Robert Lewandowski weggrätscht. Vielleicht ergattert Serkan in der kommenden Saison ein Ticket, wenn der 1. FCU zu Hause gegen Bayern München antritt. Wenn wir dann 0 : 7 verlieren, werden wir trotzdem unsere Mannschaft zuerst zu uns rufen und sie in die Kabine feiern. Ich schwöre.