Wie frustrierte Studenten der Volkswirtschaftslehre sich international vernetzen und für mehr Vielfalt kämpfen.

Welche Folgen hat der Brexit für Europa? Was macht eigentlich die EZB, die ständig in den Nachrichten ist? Und wie war es überhaupt möglich, dass Ökonomen vom Ausbruch der Finanzkrise so überrascht wurden? Gustav Theile wollte die Wirtschaftswelt besser verstehen und beschloss, International Business Administration zu studieren. Vor allem von den Kursen in Volkswirtschaftslehre erwartete er viel. Das Bachelorstudium aber wurde zur Enttäuschung. "Wir haben die meiste Zeit gerechnet", erinnert sich der 24-Jährige. Um aktuelle Fragen zum Klimawandel oder zur Finanzkrise ging es nicht. Eigenständiges Denken war kaum gefragt. Theile gab sich damit nicht zufrieden, suchte nach Alternativen und schrieb sich zusätzlich für Politik und Literatur ein. Und er suchte Studenten, die ähnlich unzufrieden waren wie er – seitdem engagiert er sich im Netzwerk Plurale Ökonomik.

Der 300 Mitglieder starke Verein, dessen Vorstand Theile mittlerweile angehört, kämpft um weitreichende Reformen im Fach VWL. Die Hauptkritik: Das Studium sei praxisfern, Rechenmodelle stünden im Vordergrund. Eine einzige Denkschule, Neoklassik genannt, werde gelehrt. Kennzeichnend für diese Lehre ist, dass eine Art Fantasiemensch im Mittelpunkt eines Modells steht: der Homo oeconomicus. Er handelt rational und versucht, seinen Gewinn zu maximieren. Der Markt, auf dem er sich bewegt, reguliert sich von selbst.

Den kritischen Studenten geht es nicht darum, komplett von der klassischen Lehre abzurücken. "Aber neben der Frage, wie ein rationaler, auf Gewinnmaximierung ausgerichteter Mensch handeln würde, sollte man auch überlegen, welche Rolle Werte, Normen, die Kultur und Sozialisierung spielen", sagt Gustav Theile. Andere Ansätze wie zum Beispiel die marxistische Politische Ökonomie, die Evolutionsökonomik oder die feministische Ökonomik müssten bereits im Bachelorstudium vorkommen. Genauso wie Wirtschaftsgeschichte, Wissenschaftstheorie und Ethik.

Bereits 2012 forderten die Studenten in einem offenen Brief an den wichtigsten Ökonomenverband, den Verein für Socialpolitik, eine Öffnung ihres Fachs. Sie beklagten, dass die "Einseitigkeit ökonomischen Denkens" auch zur "anhaltenden Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit" beitrage. Ihr 2014 verfasster internationaler Aufruf für mehr Pluralität in der Ökonomik jährt sich in diesen Tagen zum dritten Mal und hat nichts an Aktualität verloren. Noch immer bemühen sich rund 40 internationale Studentengruppen um ein gemeinsames Curriculum. Dass sie nicht aufgeben, demonstrierten sie vergangene Woche mit einer Konferenz in Bologna und Aktionen an deutschen Unis.

Aber nicht nur Studenten, auch einige Professoren finden, dass sich dringend etwas ändern muss. "Ein Studium ist dazu gedacht, den Blick zu öffnen. In der VWL passiert genau das Gegenteil: Das Studium ist einseitig, andere Denkweisen führen ein Nischendasein", sagt Helge Peukert, der an der Universität Siegen Plurale Ökonomik lehrt. Dass es den neuen Masterstudiengang seit dem vergangenen Wintersemester überhaupt gibt, lässt sich durchaus als Erfolg für die kritischen Studenten verbuchen. "Ihre Unzufriedenheit und die Erkenntnis, dass die traditionelle Lehre auf die Finanzkrise kaum reagiert hat, brachte den Dekan und einige Kollegen auf die Idee", sagt Peukert. 30 Studenten haben sich inzwischen eingeschrieben. Das Studium berücksichtigt neben dem traditionellen Kanon auch andere Denkschulen. "Wir wollen Leute ausbilden, die auch von Wirtschaftsgeschichte eine Ahnung haben und über den Tellerrand schauen, sich aber auf Augenhöhe mit anderen Ökonomen bewegen", sagt Peukert.

Die kritischen Studenten wünschen sich, dass es einen solchen Studiengang bald auch an anderen Unis geben wird. Und dass Professoren unterschiedlicher Denkschulen an den Unis zusammengebracht werden, Kulturökonomen und ökologische Ökonomen etwa. Im Moment besteht die Lehre – abgesehen von der Uni Siegen und der privaten Cusanus-Hochschule in der Nähe von Mülheim an der Mosel – vor allem aus den klassischen Inhalten.

Der Mainstream beherrscht die Lehre

Das zeigte auch eine Studie des Netzwerks, die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanziert und von einem Forscherteam der Uni Kassel umgesetzt wurde. Alle Hochschullehrer, die VWL unterrichten, wurden dafür angeschrieben. Fast 600 Lehrende an 54 Standorten beantworteten die Fragen. Das Ergebnis bestätigte die Vermutung: Der Mainstream beherrscht die Lehre. An den meisten Standorten wird die neoklassische Schule gelehrt. Dabei gibt die Hälfte aller Professoren an, dass sie die Kritik der Studenten weitgehend für angebracht hält. Allerdings, so sagen sie, seien die Lehrpläne bereits so voll, dass kaum Zeit für anderes bleibe. Und es fehle an Personal. Ändern wird sich also bis auf Weiteres nichts.

VWL vergleichbar mit Physik?

Achim Wambach, Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, sieht dafür gar keinen Anlass. Aktuelle Themen wie die Eurokrise seien in den Lehrbüchern bereits zu finden, auch eine mangelnde Vielfalt könne er nicht erkennen, keynesianische Modelle seien längst Standard. "Ich würde allerdings von einer Evolution des Fachs sprechen, nicht von einer Revolution", sagt er. Wambach hält es für abwegig, sämtliche Theorien in das Bachelorstudium aufzunehmen: "Es geht in der Lehre zunächst darum, die methodische Basis zu schaffen."

Auch die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel, die an der Universität Bonn lehrt, hat sich schon häufig mit den Änderungswünschen der Studenten auseinandergesetzt. "Das Fach schottet sich gegenüber der Kritik nicht ab", sagt sie. Natürlich könne man die Neoklassik infrage stellen – aber man sollte sich zunächst einmal mit ihr beschäftigt haben. Das grundsätzliche methodische Vorgehen sei sehr wichtig. "In der theoretischen Physik würde sich niemand anmaßen, die etablierten wissenschaftlichen Methoden grundsätzlich infrage zu stellen."

Aber müsste im Hörsaal nicht mehr diskutiert werden, wenn einfache Lösungen komplexer wirtschaftlicher Probleme nicht möglich sind? Und haben die VWL-Modelle tatsächlich dieselbe Gültigkeit wie physikalische Gesetze? Genau das bestreiten die kritischen Studenten: Den mathematischen Modellen werde zu viel Gewicht eingeräumt, sagen sie. Die Ökonomie orientiere sich an der Physik, dabei sei es eine Sozialwissenschaft, keine Naturwissenschaft.

Der Glaube an die Rechenmodelle geht den kritischen Studenten zu weit. Denn sobald es um Fragen geht, die man nicht mithilfe von Zahlen beantworten kann, stießen die Modelle an ihre Grenzen. Die "Pluralen" veranstalten deshalb eigene Vorlesungen. In 25 deutschen Städten gibt es Gruppen, die Referenten einladen und mit ihnen über Themen sprechen, die bei offiziellen Veranstaltungen nicht erwähnt werden. Rund 200 Termine sind das im Jahr. Außerdem hat das Netzwerk eine virtuelle Uni gegründet. Videos, Texte und Online-Seminare zu Wirtschaftsthemen sind auf der Lernplattform zu finden. So kann man im Selbststudium lernen, was im Hörsaal vernachlässigt wird.

Die Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie VWL gelehrt wird, ist auch in anderen Ländern groß. In England und den USA wurde das Online-Lehrbuch Core entwickelt, das man sich kostenlos herunterladen kann. An einigen britischen und französischen Universitäten wird es bereits eingesetzt. In Deutschland ist Nikolaus Wolf von der Humboldt-Universität Berlin einer der ersten Professoren, der das Lehrbuch verwendet. Er habe vor allem die Einführung in die VWL und die Wirtschaftsgeschichte besser miteinander verknüpfen wollen. "Ich kann mich an den Beginn meines eigenen Studiums gut erinnern", sagt er. An die Durststrecke, die er habe durchstehen müssen. "Das Studium war theoretisch und formal." Mithilfe von Core soll sich das für die heutigen Studenten ändern.

Nach Meinung der Kritiker ist das Lehrbuch nur ein abwechslungsreicherer Aufguss dessen, was bisher an den meisten deutschen Unis gelehrt wird. Didaktisch jedoch sei das Buch "ein absoluter Fortschritt", sagt Gustav Theile vom Netzwerk Globale Ökonomik, obwohl auch er keine größere Vielfalt an theoretischen Ansätzen erkenne. Der Kampf der Studenten für eine bessere Ausbildung geht also weiter. "Die neue Ökonomengeneration sollte nicht nur Modelle nachvollziehen können", sagt Theile. Sie sollte in der Lage sein, selbst zu denken.