DIE ZEIT: Wie passt die Wahl zu Ihrer Diagnose, die Franzosen seien erschöpft wie müde Kinder eines sklerotischen Staats?

Alain Ehrenberg: Unsere Gesellschaft ist voller Widersprüche. Überall entwickelt sich individuelle Handlungsbereitschaft und Eigeninitiative. Es ist eher die Politik, die blockiert ist: In dem starren Rechts-links-Konflikt findet sich die neu entstehende Gesellschaft nicht repräsentiert. Der Kern des "Unbehagens" ist das Bildungswesen. Denn das Schulsystem trägt nicht mehr zur sozialen Durchlässigkeit bei, und so fühlt sich ein Teil der Bevölkerung im Stich gelassen.

ZEIT: Frankreichs Präsident ein Liberaler: Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Muss er nicht den schützenden Staat verkörpern?

Ehrenberg: Die Franzosen neigen dazu, den Liberalismus etwas eng mit dem Markt gleichzusetzen. Aber es gibt auch eine liberale Gesellschaftsordnung, die den handelnden Staat schätzt, im Sinne des oft verkannten Adam Smith, des Vordenkers dieses Liberalismus. Was heute auf dem Spiel steht, ist der Schutz der Menschen in Zeiten der Globalisierung und Flexibilität. Dem französischen Republikanismus fehlt jene Dosis an Liberalismus, die unsere Gesellschaft dringend benötigt. Der neue Präsident schlägt uns Bürgern nun ein "Yes we can" à la française vor: Einerseits bedeutet das einen staatlichen Schutz, der mit der möglichst weitreichenden Entwicklung der Fähigkeiten der Einzelnen einhergeht. Zum anderen wird Macron den Geist des staatlichen Handelns darauf ausrichten, dass jeder Bürger selbst handlungsfähig wird. Und den Gedanken des Schutzes wird er eher so fortentwickeln, dass der Staat effektiver handelt.

ZEIT: Was wären die ersten Schritte einer Politik, die individuelle Autonomie fördert?

Ehrenberg: Sie muss unter anderem die Arbeitsmarktreform vertiefen, um mehr Beweglichkeit zu schaffen und den Schutz an der richtigen Stelle einzusetzen: Ein Recht auf steuerfinanzierte Arbeitslosenunterstützung für jeden ist notwendig wie der Ausbau einer lebenslangen beruflichen Schulung und Fortbildung. Nur so sind die Menschen in der Lage, sich zu schützen.

ZEIT: Was sollte Deutschland tun, um die Chancen Macrons nicht zu verspielen?

Ehrenberg: Im Gegenzug für die Wiedervereinigung hat Mitterrand von Kanzler Kohl die Währungsunion bekommen. Wenn Macrons Reformen in Frankreich nun Solidarität und Wettbewerbsfähigkeit neu verbinden, sollte Deutschland ihm helfen, den "Wiederholungszwang" zu überwinden, und dafür die europäische Solidarität voranbringen.