DIE ZEIT: Herr Rhein, vor fast zwanzig Jahren kamen Sie aus dem deutschen Südwesten in den Osten, um die Lutherstätten zu sanieren. Was war Ihr schwierigster Moment in Wittenberg?

Stefan Rhein: Als ich in einem Leserbrief als Kulturzerstörer beschimpft wurde. Wir waren mitten im Streit um das Melanchthonhaus, eines der schönsten Renaissancegebäude der Stadt, das ich durch einen Neubau ergänzt hatte. Und der Leser schrieb sinngemäß: "Der kommt aus dem Westen, hinterlässt uns seine schrecklichen Bauten und haut wieder ab." Da habe ich mich zutiefst missverstanden gefühlt. Erstens bin ich ein Südi und kein Wessi, zweitens kein Wessi auf Durchreise, drittens mache ich meine Arbeit mit Leidenschaft.

ZEIT: Warum hat der Leserbrief Sie überhaupt getroffen: Kannten Sie das Vorurteil schon?

Rhein: Nein, nicht so. Wir haben zwar immer über den Ost-West-Konflikt gewitzelt, aber er hat nie die Arbeit der Stiftung überlagert. Ich wollte von Beginn an hier leben und Bürger sein. Bei diesem Leserbriefschreiber dachte ich: Der spricht mir meine Bürgerschaft ab und will mich zurück hinter die Mauer schicken.

ZEIT: Als Sie 1998 zum Direktor der Lutherstätten berufen wurden, zogen Sie sofort nach Wittenberg, ins Herz des Lutherlandes. Das hat Sie aber nicht vor Hohn bewahrt. Der bekannteste Wittenberger der Gegenwart, Pfarrer Friedrich Schorlemmer, nannte Ihre Bauprojekte "die vier Todsünden". Warum?

Rhein: Weil wir uns nicht einig waren in der Frage: Was ist uns Wittenberg? Für mich ist es eben nicht nur ein Freilichtmuseum der Reformation, sondern ein vitaler Ort, der signalisiert: Luther lebt! Wir haben hier eine Kulturmeile, die reicht vom Lutherhaus über das Melanchthonhaus, die Universität Leucorea, die Cranach-Häuser und den Marktplatz bis zur Schlosskirche. Nahebei liegt Luthers Predigtkirche. Viele wollten, dass all das Alte alt und anheimelnd bleibt. Ich wollte es zeitgenössisch ergänzen. Nicht triumphalistisch, aber auch nicht anpasserisch. Unser größter Streitfall war 2013 dann jener kubische Ergänzungsbau zum Melanchthonhaus: 1536 Grundsteinlegung, nie zerstört, auch innen kaum verändert.

ZEIT: Haben Sie den Traditionalismus der Ostdeutschen unterschätzt?

Rhein: Nein, an meiner alten Arbeitsstelle, dem Melanchthonhaus in Bretten, wäre die Diskussion die gleiche gewesen.

ZEIT: Nur galt im Osten das neue Bauen als staatstragend. Neubau, das war Sozialismus. Altbau, das war subversiv. Die Vorreiter der friedlichen Revolution, also Leute wie Schorlemmer, kamen meist aus dem romantisch verwilderten Pfarrhaus oder dem heruntergekommenen Gründerzeitviertel, selten aus der Platte. In Erfurt bildeten die Montagsdemonstranten eine Menschenkette um die Altstadt. In Wittenberg bewahrte nur die Wende die Cranach-Häuser vor dem völligen Verfall.

Rhein: Dass Denkmalpflege revolutionär sein kann, war wirklich eine neue Erfahrung für mich. Trotzdem wollte ich den Ort weiterentwickeln.