Auf dem Uni-Gelände ist ein Sandkasten aufgebaut, gefüllt mit acht Säcken Kinderspielsand "Natur" aus dem Baumarkt. Darum herum haben sich 40 Wissenschaftler aufgestellt, Archäologen, Anthropologen, Geomorphologen, Ethnologen. Sie starren auf Muster und Unregelmäßigkeiten im losen Material. Denn kurz zuvor sind barfüßige Freiwillige durch den Sand gegangen, sie haben Spuren hinterlassen. Füße mit fünf Zehen, mehr erkennt der Laie nicht. Würde er irgendwo in der Wildnis auf solche Abdrücke treffen, könnte seine Schlussfolgerung lauten: Drei Individuen liefen hier lang.

Doch es sind keine Amateure, die sich im Innenhof des Afrikainstituts der Universität Köln eingefunden haben. Hier steht die Weltelite der Fährtenleser. Da muss schon mehr bei der Spurenlese rumkommen. Zum ersten Mal überhaupt trifft sich die internationale wissenschaftliche Community der Spurenexperten mit indigenen Spurenlesern zum Erfahrungsaustausch. Prehistoric Human Tracks – in dieser Konferenz soll es um steinzeitliche, in Sedimenten verewigte Tritte unserer Urahnen gehen. Aber nicht nur: Die Kunst des Spurenlesens überhaupt soll Thema sein. Im Zentrum steht eine Grundsatzfrage. Kann das Wissen, das heute nur noch vereinzelte Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften besitzen, überhaupt vom modernen Wissenschaftsbetrieb genutzt werden? Wer aus Amerika, Australien oder Südostasien nach Köln gereist ist und nun hier am Rand des Sandkastens steht, begnügt sich nicht mit naiver, rudimentärer Anschauung.

Drei Cracks unter den Trackern beugen sich über den Sandkasten. Sie heißen /Ui Ga!o, /Ui Kxunta und Tsamkxao Ciqae*. Alle drei sind San aus Namibia, geborene Jäger. Ihnen bleibt im Alltag in der Kalahari selten verborgen, wenn auf einem Stück Untergrund ein tierisches oder menschliches Wesen vorbeigehuscht ist: Echse, Leopard, Huftier – oder ein Mann aus dem Nachbardorf. Der Abdruck eines Elefanten verrät ihnen nicht nur, ob ein Weibchen oder Männchen ihn hinterlassen hat, sondern auch: vor wie langer Zeit, wie groß das Tier war, wie schnell, wie alt, wie gesund.

Die frischen Fußspuren im Sandkasten sind von zwei Männern und einer Frau. Die Abdrücke des Alten sind breiter, auch seine Zehen haben gröbere Spuren hinterlassen. Bruchkanten, feine Risse oder klaffende Spalten im Sand enthalten genauso Informationen wie die jeweiligen Tiefen einer Mulde im Bereich von Ballen, Wölbung und Ferse. Die drei San ordnen die Spuren sicher zu. Sie können auch sagen, wie geübt und schnell ein Mensch sich über den Untergrund bewegt hat.

Aber diese Details sind nur der Anfang. Die Diskussionen der Altertumsforscher und Jäger ziehen schnell weitere Kreise. Der Inuit George Aklah aus Kanada folgt Tierspuren im Schnee. Sein Suchen ist primär eine optische Herausforderung in weißer Einöde. Schnell wird der Schnee seiner Heimat hart, Flocken und Wind verwischen die Abdrücke der Eisbären. Tuck-Po Lye dagegen erzählt davon, dass sie im malaysischen Regenwald vom verfolgten Tier kaum etwas zu sehen bekommt. Stattdessen entziffert sie akustische und olfaktorische Landschaften. Beim Tracking hilft ihr ein gutes Gehör und eine Nase, die Duftmoleküle des Tigerurins treffsicher decodiert. Für Erscheinungen, die man nicht direkt sieht, kennt ihr Volk spezielle Wörter. Jal steht für bloß wahrgenommene Bewegungen wie etwa das sanfte Wogen einer Stoffplane, wenn dahinter jemand hastig entlangschreitet.

Anders als seine spurenlesenden Kollegen in Dschungel und Kalahari, die an Kotspuren die exakten Zeitpunkte ihrer Entstehung ermitteln, kann der Inuit George Aklah an einem fäkalen Haufen meist nur ablesen, was für ein Tier einst hier war. Kein austretender Geruch, kein biologischer oder physikalischer Verfall – es sind nur spärliche Indizien da, aus denen er im arktischen Frost Weiterführendes herauslesen könnte: "Nach fünf Minuten ist die Scheiße gefroren."

Während manche aus wenigen Details zeitliche Abfolgen rekonstruieren, generiert die Australierin Leah Umbagai ihr Wissen aus größtmöglichen Quellen. Die in Jahrtausenden gesammelten Erfahrungen ihrer Kultur, die geprägt ist von Land und Kosmos, befruchtet von Gefühlen und Träumen, ist die holistische Basis, der sich die Aborigines beim Tracking bedienen. Fährtenlesen ist daher kein Handwerk, das man am Ende eines Wochenendkurses beherrschen könnte. "Wenn du es nicht von den Eltern lernst, bist du kein Tracker", sagt /Ui Ga!o. Dass er einer ist, steht auf seinem T-Shirt: "Tracker".

Trotz der kulturellen Langzeitprägung verändert der moderne Wandel den Berufsalltag der Branche stark. Leah Umbagai beschreibt, wie wichtig es früher war, dass jeder Aborigine die Fußspuren aller Mitglieder seines eigenen Tribes erkannte. Nur dann verriet der Untergrund, wenn ein Fremder das Dorf umschlich. Heute, da alle Schuhe tragen, sind solche Unterscheidungen schwierig geworden. Das über Generationen tradierte Wissen helfe trotzdem: Wer das Tracking von der Pike auf gelernt habe, identifiziere auch problemlos die Reifenspuren der zehn Autos im eigenen Dorf.

Auf die Frage, was das Wichtigste sei für einen Tracker, meldet sich Louis Liebenberg zu Wort. Er hat als Weißer in Südafrika von klein auf das Spurenlesen von den Jägern gelernt und sein riesiges Wissen als Erwachsener in einem beeindruckenden Buch gebündelt (The Art of Tracking). Liebenberg erzählt, was ihm seine einstigen Lehrer beigebracht haben. "Vor der Jagd trinkt der gute Jäger einen Kaffee, mehr nicht." Denn weder sei die Erfahrung ein Erfolgsgarant bei der Jagd, noch sei die Intelligenz dafür am wichtigsten: "Es ist der Hunger."