Faiza X, Anwärterin auf die französische Staatsbürgerschaft, ist praktizierende Salafistin, trägt deshalb den Ganzkörperschleier, gehorcht in wichtigen Dingen dem Ehemann und anderen männlichen Angehörigen und verlässt das Haus fast nur, um die Kinder zur Schule zu bringen. Ist diese Frau autonom? Nein, sagen einige, denn ein Mensch, der sich grundsätzlich dem anderen Geschlecht unterordnet, kann nicht autonom sein, sondern ist offensichtlich fremdbestimmt. Doch, sagt dagegen Beate Rössler, Faiza X kann autonom sein – wenn sie ihre Religion als eigenes Projekt aus wohlüberlegten Gründen verfolgt oder zumindest in einigen Bereichen des Lebens selbstbestimmt ist, etwa was den Haushalt betrifft.

Harriet Burden, Protagonistin in Die gleißende Welt, dem jüngsten Roman von Siri Hustvedt, möchte eine anerkannte, feministische Künstlerin sein, genauso jedoch eine unauffällige, unterstützende Ehefrau ihres Mannes, eines erfolgreichen Kunsthändlers. Beides geht nicht gleichzeitig. Wenn beides wohlüberlegte Wünsche von ihr sind, ist sie offensichtlich unentschieden in fundamentalen Belangen. Ist diese Frau autonom? Nein, meinen die, welche eindeutige Entscheidungen "aus ganzem Herzen" für eine Voraussetzung von Autonomie halten. Doch, entgegnet hier die Philosophin für Praktische Philosophie aus Amsterdam, auch diese Frau kann autonom sein, wenn sie nur nicht derart unentschieden ist, dass sie wie paralysiert gar nichts mehr tun kann, sondern ambivalent in dem Sinn, dass sie zwischen verschiedenen Rollen und Identitäten wechselt.

Das sind zwei Beispiele für Grenzfälle und Grade von Autonomie, die Rössler in ihrem Buch Autonomie. Versuch über das gelungene Leben auslotet. Darin knüpft sie teilweise an ihre bisherigen Überlegungen zum Wert des Privaten an, legt jedoch vor allem in einem großen Bogen über verschiedene Diskussionsfelder hinweg eine "nicht-ideale Theorie" von Autonomie vor. Damit wendet sie sich gegen besonders anspruchsvolle Konzeptionen: gegen solche, nach denen Autonomie begrifflich verknüpft ist mit bestimmten Werten wie Gleichheit; gegen solche, die nur ein "ganz oder gar nicht" kennen, aber keine Abstufungen; und gegen solche, die immer Eindeutigkeit verlangen würden.

Über Autonomie wird in der Philosophie häufig nachgedacht, weil man sich für moralische Verantwortungszuschreibung interessiert. Rössler konzentriert sich hingegen vornehmlich auf den Zusammenhang mit einem guten menschlichen Leben. Die zentrale Idee dazu lautet: Autonomie sei wichtig, um ein sinnvolles Leben führen zu können, da dies nur möglich sei, wenn man für sich selbst Projekte wähle und diese verfolge. Und Sinn sei jener eine Aspekt, der gemeinsam mit Glück, verstanden als subjektives Wohlergehen, ein gelungenes Leben ausmache.

Rössler plädiert für eine nicht-ideale Autonomie-Konzeption, weil nach den idealen Kriterien so gut wie niemand im alltäglichen Leben Autonomie besäße und der Begriff damit seine normativ-kritische Funktion verlöre. Ob diese Schlussfolgerung stimmt oder ob nicht verschiedene Grade der Annäherung genauso gut kritisch zu vergleichen wären wie verschiedene Grade verwirklichter Autonomie, wäre zu diskutieren. Tatsächlich tauchen bei ihr zwischendurch auch dazu passende Formulierungen auf: So reiche für Autonomie im Alltag eine "versuchte, angestrebte" Autonomie. Wird damit nicht doch ein Ideal der eigentliche Maßstab?

Rösslers Ziel ist ansonsten klar, und ihr Ansatz, der einen "theoretischen Mittelweg" sucht, fasst im Kern zusammen, worauf eine fruchtbare Diskussion der letzten Jahrzehnte hinausgelaufen ist: ein doppelter Kompromiss einerseits zwischen jenen Theorien, die Prozesse, und jenen, die Inhalte in den Vordergrund stellen, sowie andererseits zwischen jenen Theorien, die einzelne Individuen, und jenen, die in Kontexte eingebundene Individuen betonen. Die klassischen Autonomie-Konzeptionen hatten sich auf den einschlägigen Willensbildungsprozess konzentriert, also auf die Frage, was es für Menschen heißt, nach Kant einem selbst gegebenen Gesetz zu folgen, oder, nach dem in Princeton lehrenden Philosophen Harry Frankfurt, was es heißt, sich mit einem von vielen verschiedenen Wünschen, die man hat, zu identifizieren. Daran haben insbesondere feministisch orientierte Philosophinnen wie Catriona Mackenzie oder Natalie Stoljar kritisiert, dass hierbei die menschliche Eingebundenheit in soziale Zusammenhänge ignoriert würde: Man gehe vom einsamen Cowboy in der Prärie aus, dessen Wünsche allein aus ihm selbst heraus kämen und der keinerlei Verpflichtung irgendjemand gegenüber habe. Beate Rössler betont nun auch, dass für Autonomie Beziehungen zu anderen Menschen zentral seien – im Guten wie im Schlechten: Man sei auf Anerkennung anderer angewiesen und zugleich durch mögliche Manipulation oder an das Umfeld angepasste Präferenzen gefährdet. Rössler findet jedoch im Unterschied zum Frankfurter Philosophen Axel Honneth, dass es nicht unbedingt Anerkennung unter vollständig gleichberechtigten Personen sein müsse. Ihrer Meinung nach reicht es für die Autonomie einer Person, dass sie selbst gewählte Projekte verfolgen kann, für die sie Anerkennung erwartet und diese auch erhält. Dies kann auf die verschleierte Hausfrau in einem muslimischen Umfeld zutreffen wie für die erfolgreiche, allein lebende Wissenschaftlerin in einem säkularen Alltag. Es brauche laut Rössler nur so viel Anerkennung, wie nötig sei, um Selbstwert zu entwickeln und sich als "legitime Autorität über eigene Gründe" verstehen zu können.