Die Geschichte garantiert viele schadenfreudige Lacher. Sie handelt von einer exotischen Frucht, von Messern und von Menschen, die mit beidem irgendwie nicht richtig klarkommen. Übel endet das alles und sogar überraschend oft: In Großbritannien kämen mittlerweile angeblich so viele Menschen in die Notaufnahmen der Kliniken, dass die Ärzte eigens einen Namen für diese speziellen Schnittverletzungen erfunden haben: die Avocado-Hand. Die Zeitung The Times berichtete in der vergangenen Woche von der Idee eines britischen Chirurgen, künftig vielleicht doch Warnhinweise auf die Avocados zu kleben. Weil die Schauspielerin Meryl Streep schon vor Jahren einen Unfall mit Avocados beklagt und Starkoch Jamie Oliver ein Lehrvideo zum Schneiden veröffentlicht hatte, stand nun definitiv fest, dass etwas wirklich Großes geschehen ist. Die Frage ist nur: Was genau? Und warum?

Da ist die Frucht selbst. Avocados haben in den vergangenen Jahren eine ziemlich steile Karriere gemacht, nicht nur in der britischen Tex-Mex-Küche, sondern auch hierzulande. Importierte Deutschland 2011 knapp 30.000 Tonnen Avocados, waren es 2015 schon an die 45.000 Tonnen. Anders gesagt, ein Plus von 50 Prozent. Irgendwo musste das Zeug ja landen, und das hieß mit großer Wahrscheinlichkeit: in irgendwelchen Küchen, auf irgendwelchen Schneidbrettern. Und weil jede Entwicklung ihre unangenehmen Seiten hat, haben wir nun den Salat.

Auch Krankheiten und Verletzungen haben Karrieren. So wie der Blackberry-Daumen, der nichts mit Blackberries, also Brombeeren, zu tun hat, sondern mit den ersten E-Mail-Handys. Vor Erfindung des Touchscreens tippten Manager und Möchtegerne so fleißig auf den kleinen Tastaturen ihres Blackberrys herum, dass sie bald unter Sehnenscheidenproblemen litten. Die Avocado-Hand steht ganz in der Tradition dieser Blackberry-Daumen und wird sich als Phänomen ebenso bald verflüchtigen. Dazu braucht es keine Warnhinweise auf Avocados. Sie zu fordern ist Ausdruck einer freiheitsorientierten Grundeinstellung. Während Vertreter eines starken Staates eher für ein Verbot privater Avocadoentkernungen eintreten würden, entspricht der britische Vorschlag dem Leitbild eines informierten und mündigen Verbrauchers: Der Konsument weiß schon, was er tut. Damit er aber nach einem Unfall nicht so tut, als habe er es nicht gewusst, warnt man ihn vorher. Das klingt komplizierter, als es ist.

Korrekterweise muss man anmerken, dass die Gefahr vom Messer ausgeht und nicht von der Avocado, weswegen man, wenn schon, dann allenfalls Messer mit Warnhinweisen versehen sollte: Achtung scharf! Oder: Vorsicht, Gefahr von Schnittwunden! Weil aber offenbar niemand mehr richtig schneiden lernt, liegt zudem ein Schulversagen vor, weswegen man auch ein Schulfach Messerschneiden fordern könnte. Aber zurück zum Thema.

Auf ihren Kern reduziert, wird die Avocado-Hand überbewertet. Man könnte ebenso gut sagen: Pech gehabt und passt eben besser auf! Oder man wartet einfach.

Der Boom wird bald vorbei sein. Wenn die Geschichte der Ernährungsmythen etwas lehrt, dann dass jede Wunderfrucht so schnell verschwindet, wie sie gekommen ist. Das war bei der Acerola-Kirsche so, bei Acai- und Goji-Beeren und bei dem anderen Zeug, das gehypt wurde, weil es so lecker, vitaminhaltig, antioxidativ oder sonst was war, bis die nächste Frucht Karriere machte, weil sie noch viel größere Wunder vollbrachte.

So wird auch der Siegeszug der Avocado nachlassen und damit auch die Zahl der Verletzungen zurückgehen. Dann verschwindet die Avocado-Hand so schnell wie der Blackberry-Daumen, unter dem seit Erfindung des Touchscreens auch niemand mehr leidet. Dinge erledigen sich glücklicherweise gelegentlich von allein. Selbstheilungskräfte kennt man in der Medizin, aber manchmal wirken sie auch in der Ökonomie.