"Ich hätte gern das Beefsteak."

"Das was?"

"Das Beefsteak, bitte."

"Ach, das Beffi. Noe, machn ma", sagt die rundliche Kellnerin, die wohl Ende vierzig ist. Alternativ auf dem Mittagsmenü des Zollhauses wäre das Schnitzel, Verzeihung, das Schnili gewesen. Das Zollhaus ist Bautzens älteste Gaststätte und Pension. Ein Familienbetrieb der Hentschels. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß. Ich stolpere einfach rein, weil das Tagesmenü nur 4,95 kostet. Das Zollhaus liegt nur wenige Straßen vom zentralen Korni entfernt. Trotzdem bin ich zum ersten Mal in dieser Ecke. Wo die Altbauten mal nicht saniert sind und vergammeln. Am Spalt zwischen Verfall und Funktion spagaten vereinzelt kleine Geschäfte, die Treppenlifte, Matratzen oder Waschbecken verkaufen. Genauer: zum Verkauf anbieten. Nur der moderne, zweistöckige Intersport Timm hebt sich ab und wirkt wie ein durchparfümierter Spitzenmanager beim ABM-Treff.

Das Zollhaus steht und stand historisch günstig und malerisch mit Blick auf die grünen Schilleranlagen. Das Lokal ist kaum größer als ein Wohnzimmer und atmosphärisch auch schwierig von einem zu unterscheiden. An und um die wappenverzierte Holztheke stehen Blumen, alte Öllampen, ein hydrantenhoher Porzellankoch mit Tablett. Darüber hängt ein eingerahmtes Budissa-Bautzen-Trikot, aus dem Aufstiegsjahr 2014, von der Mannschaft signiert. Eine Warsteiner-Uhr, zwei Schrotflinten. Die orangefarbenen Lappentücher, die fünf Tische decken, sagen: Wir mögen es hier so, seit je, wenn es dir nicht passt, geh weg.

Ein älterer und ein mittelalter Mann mit ausgeruhten Zügen sitzen beieinander (sie haben sich für Beffis entschieden). Gegenüber ein Rentnerpärchen, beide haben ihre Hände auf die Tischfläche und übereinandergelegt. Sie zucken fast synchron mit Fingern oder Lippen und ergeben ein neuronal romantisches Duett. Ihr Tischnachbar ist ein Einzelgänger, mit tiefen Furchen im Gesicht, der mit heiserer Stimme ein Schnili bestellt.

Dann kommt der Herr aller Fleischis aus der Küche geschlurft. Auf weißen Sandalen. Mit kurzem Borstenschnitt und einem Schnauzer so rund wie sein riesenfröhlicher Bauch, der unter dem bratölbespritzten weißen T-Shirt schwingt. Die beiden Männer haben gerade aufgegessen und rufen ihm zu. "Frank, tolle Beffis, du bist der beste Koch der Welt! Du kriegst noch’n Preis!"