Nach wenigen Minuten war es vorbei. Wortlos verließ Hannelore Kraft, die abgewählte Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, am Montagabend den Sitzungsraum in der Düsseldorfer SPD-Zentrale. Ende einer politischen Karriere. Aber auch: ein Neubeginn für Nordrhein-Westfalen. Denn danach redete man im Landesvorstand der SPD offen wie lange nicht mehr, drei Stunden lang. Bis klar war: Die Sozialdemokraten werden auf keinen Fall als Juniorpartner in eine CDU-geführte Koalition gehen. Man will in Düsseldorf nicht in die gleiche Falle tappen, in der man in Berlin schon sehr lange steckt.

Es war nur eine Landtagswahl, sagen sie jetzt in Berlin in den Zentralen aller Parteien – nicht nur bei den Verlierern, sondern auch bei den Gewinnern. Allein das ist schon ungewöhnlich und zeigt, was am vergangenen Sonntag geschehen ist und welche bundespolitischen Folgen es hat. Hoffnungen (vor allem von SPD und Grünen) wurden zertrümmert. Taktische Überlegungen (vor allem von CDU und FDP) sind Makulatur.

Wahlsieger Armin Laschet, der seine CDU im Bund gern mit den Grünen regieren sähe, muss in Düsseldorf jetzt mit der FDP zusammengehen. Es wird eine Koalition, die er nie wollte. Christian Lindner hat für seine FDP ein überragendes Wahlergebnis eingefahren, muss nun aber sehen, welche Leute er überhaupt in die Regierung schicken kann, da die fähigsten Köpfe der Landes-FDP im Herbst alle nach Berlin wechseln sollen. Schwarz-Gelb wiederum gilt auf einmal wieder als mögliche Option für den Bund (siehe Artikel rechts). Aber will Angela Merkel das wirklich? Und will die FDP noch einmal unter Merkel regieren, was beim letzten Mal nichts anderes hieß, als von der Kanzlerin klein gehobelt zu werden?

Die so heftig abgestürzte SPD möchte nach dem Hype um Martin Schulz unbedingt die nächste Phase der Auseinandersetzung mit Merkel einläuten, weiß aber nicht, wie. Die Grünen schwanken zwischen Frust und Trotz. Um die Linke, in NRW wieder einmal an der Fünfprozenthürde gescheitert, wird es bundespolitisch einsam. Und in der AfD kursiert ein Papier, das die nächste Spaltung der Spalterpartei ankündigt.

Nur vier Monate sind es noch bis zur Bundestagswahl, und in allen Parteien sind nach dem vergangenen Sonntag heftige Diskussionen entbrannt. Was ist die richtige Antwort auf eine Landtagswahl, die so viel durcheinandergewirbelt hat? Was ist bis September noch zu schaffen? Und wie?

Es sei ein Fehler gewesen, die "großen bundespolitischen Fragestellungen" auszuklammern, heißt es in einer SPD-internen Analyse, die nach der ersten Landesvorstandssitzung ohne Hannelore Kraft in Düsseldorf die Runde machte. Die Ministerpräsidentin überschätzte bis zum Schluss ihre Wirkung auf die Wähler. In den letzten Tagen vor der Wahl plakatierte die SPD einzig eine Botschaft: Hannelore Kraft. In Zeiten, die so politisch sind wie lange nicht mehr, wählten die Sozialdemokraten einen entpolitisierten Wahlkampfstil.

Dabei war Krafts größtes Problem ihr Innenminister Ralf Jäger. Dass sie ihn nach der Kölner Silvesternacht nicht entließ und bis zum Schluss verteidigte, sehen inzwischen auch SPD-Spitzenpolitiker in Düsseldorf kritisch. Mit Verweis auf Jägers Bilanz gelang es CDU und FDP über Wochen, die Unzufriedenheit zu nähren. Mit einem für den Herausforderer Armin Laschet wichtigen Nebeneffekt: Die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, die anderen CDU-Kandidaten den Wahlkampf erschwert hatte, war in NRW kein Thema.

Und Martin Schulz? Von der Bundespolitik wollte Ministerpräsidentin Kraft verschont bleiben, weshalb ihre Leute den Kanzlerkandidaten auf die Rolle des nützlichen Statisten reduzierten. Schulz durfte auf Marktplätzen Currywurst essen, sich durch Kleingärten grüßen. Eines sollte er nicht: eigene Themen setzen.

Was sagt es über die Berliner SPD-Wahlkampfzentrale, dass man sich die Strategie aus Düsseldorf diktieren ließ? Nach NRW wird in der Partei auch über das Personal für den Bundestagswahlkampf diskutiert: Fehlt es den Strategen an Erfahrung? Generalsekretärin Katarina Barley ist offiziell für den Bundestagswahlkampf verantwortlich. Die Juristin sitzt selbst erst seit 2013 im Berliner Parlament, Kampagnenerfahrung hat sie nicht. Die technische Wahlkampfleiterin Juliane Seifert war zwar im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf aktiv. An der Spitze einer Bundestagskampagne stand auch sie noch nicht. Der zweite Kampagnenleiter, Schulz’ engster Vertrauter Markus Engels, trifft bisher alle wichtigen Entscheidungen, etwa, wann und wo der Kandidat auftreten soll. Er schreibt auch dessen Reden.

Nachdem bislang die Person im Vordergrund stand, wollen die Genossen nun Inhalte nachliefern. Mehr Geld für die Bildung, strengere Regeln für straffällige Ausländer, mehr Polizisten – das sind die Forderungen im Entwurf für das Regierungsprogramm. Doch im Zentrum steht das Thema Finanzen.

Auch wenn noch nicht alle Details des SPD-Steuerkonzepts entschieden sind, werden die Grundlinien allmählich erkennbar: Kleinere und mittlere Einkommen sollen entlastet, die Spitzenverdiener belastet werden. Das Steuerkonzept soll sich an einem Vorschlag des Deutschen Gewerkschaftsbundes orientieren: Alleinverdiener bis zu einem Einkommen von 80.000 Euro würden weniger Steuern zahlen, danach steigt die Steuerlast, für eine Familie mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 150.000 Euro. Und weil Geringverdiener in der Regel keine Steuern bezahlen, dafür aber Sozialabgaben und Gebühren zum Beispiel für die Kinderbetreuung, sollen diese sinken oder bezuschusst werden.