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Vier Bilder hängen noch an der Wand neben dem Schwarzen Brett. Hier, in den halbprivaten Teil der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, dürfen nur Studenten rein, ihre Gäste, Militärvorgesetzte, das Reinigungspersonal; normale Zivilisten nicht. Ein Bild fehlt.

Die Fotos, die noch da sind, zeigen den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, den Generalinspekteur der Bundeswehr Volker Wieker – und den "Wohnebenenältesten", eine Art Vertrauensmann der Studierenden. Bis vergangenen Donnerstag hing hier noch ein fünftes Bild, von dem an der Uni niemand mehr weiß, wer es aufgehängt hat und wann. Wahrscheinlich, so heißt es, hing es schon seit 12 oder 13 Jahren da, an die Wand gepinnt, kurz nachdem die Bundeswehr-Hochschule im Dezember 2003 den Namenszusatz "Helmut Schmidt" erhielt. Es zeigt den Namensgeber in Wehrmachtuniform. Den späteren Verteidigungsminister und Bundeskanzler als jungen Oberleutnant in Hitlers Armee.

Weil Ursula von der Leyen im Zuge des Skandals um ein rechtsextremes Netzwerk in der Bundeswehr den Befehl erteilte, alles aus den Kasernen, Liegenschaften und Einrichtungen zu entfernen, was an die Wehrmacht erinnert, ist der uniformierte Helmut Schmidt nun verschwunden von der Wand – und die Aufregung groß.

Hysterischer Exorzismus oder überfällige Konsequenz? Zwischen diesen Polen verläuft die Debatte, auch an der Hochschule selbst. Nachdem der ranghöchste Militär an der Uni bei einer Inspektion im Auftrag seiner Ministerin das Schmidt-Foto entdeckt hatte und entfernen ließ, hing kurz darauf ein anderes Foto dort. Es zeigte das Frust-Emoji, das stets auftaucht, wenn bei YouTube ein Video nicht abspielbar ist, und dazu den Text: "Dieses Bild ist auf dieser Wohnebene leider nicht verfügbar, da es Helmut Schmidt als Offizier in Uniform zeigt. Das Aufzeigen einer Gemeinsamkeit zwischen dem Namensgeber dieser Universität und den studierenden Offizieren und Offiziersanwärtern ist hier unerwünscht. Das tut uns leid." Auch dieses Foto musste weg.

Der Ärger unter den Studenten war so groß, dass der Präsident der Hochschule, Wilfried Seidel, zuerst ein internes Rundschreiben aufsetzte und sich dann den Fragen von Studierenden stellte. Seidels Hauptargument: Das Foto reduziere Helmut Schmidt auf seine Zeit als Wehrmachtoffizier, das sei unangemessen. Und: "Das Tragen der Uniform der Bundeswehr und der Uniform eines Unrechtsregimes bilden keine Gemeinsamkeit."

Fotos von Helmut Schmidt in Bundeswehr-Uniform gibt es auch, 1958 nahm er an einer Reserveübung teil. Wer den uniformierten Schmidt sehen wolle, so meint ein Uni-Dozent, könne ja ein Foto vom Bundeswehr-Reservisten aufhängen. Den Wehrmacht-Schmidt habe er persönlich nie wahrgenommen: "Das Foto hing schon so lange da – da hat niemand mehr genau hingeschaut." Der Sprecher der Universität betont, dass sich die Entfernung des Fotos keinesfalls gegen denjenigen richte, der darauf zu sehen ist. "Wir führen den Namen Helmut Schmidt mit Stolz", sagt er. Aber: "Wir sind die Helmut-Schmidt-Universität – und nicht die Leutnant-Helmut-Schmidt-Universität."

Die Geschichte vom abgehängten Namensgeber macht, unabhängig davon, ob man sie als Posse oder als Lehrstück begreift, eins deutlich: Die Bundeswehr ist in den 62 Jahren ihres Bestehens die Wehrmacht nie ganz losgeworden. Auch wenn von der Leyen zuletzt bei jedem ihrer Auftritte beteuerte, mit Ausnahme der Widerstandskämpfer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg könne die Wehrmacht "in keiner Weise traditionsstiftend" sein, so steckt die Wehrmacht immer noch in der Bundeswehr drin. Warum?