Der alte Mann hat in einer lichtdurchfluteten Cafeteria Platz genommen, die es damals noch nicht gab – damals, als er hier Gedanken formulierte, die heute eine wichtige Rolle spielen in den Köpfen von ein paar Herrschern über die Welt. Auch die Räume, in denen er hier in Cambridge an der amerikanischen Ostküste vor 40 Jahren Tag für Tag arbeitete, gibt es nicht mehr. Das Universitätsgebäude wurde kürzlich umgebaut, sein Büro dort hat der alte Mann schon vor ein paar Jahren aufgegeben. Verschwunden ist auch die Bibliothek mit den Arbeiten, in denen er und seine Kollegen ihre wichtigsten Ideen gebündelt hatten. "Dort sind heute Klassenräume", sagt er.

Der alte Mann ist aber nicht traurig wegen der Veränderungen. Seine Ideen hat er anderswo gelagert. Er hat sie vor Jahrzehnten schon in die Köpfe von damals jungen Männern gesetzt, damit sie nicht verloren gehen.

In den Köpfen dieser jungen Männer ist mit den Ideen nur etwas passiert, was den alten Mann dann doch überrascht hat. Die jungen Männer haben seine Ideen nämlich nicht nur weiterentwickelt. Vielmehr sind diese Männer später zudem allesamt sehr mächtig geworden. Und plötzlich sind mit ihnen die Ideen aus der Bibliothek von damals in die einflussreichsten Büros der Welt eingezogen.

Der alte Mann verfolgt mit Vergnügen, was seine ehemaligen Schüler so tun. Er liest in den Zeitungen von ihnen und sieht sie im Fernsehen. Manchmal schreiben sie ihm E-Mails oder rufen ihn an. Man kann ja auch wirklich gut telefonieren mit dem alten Mann. Seine Stimme rollt weich und voll dahin. Wenn er von den Männern aus den Zeitungs- und Fernsehberichten erzählt, dann klingt er wie ein Vater, der stolz ist auf seine Kinder.

Stolz auf Mario Draghi zum Beispiel, der als Chef der Europäischen Zentralbank die ganze Zeit den Euro retten muss, der arme Kerl! Der alte Mann erinnert sich: "Er war intelligent und charmant, und das kommt ja nicht immer zusammen."

Auf Lucas Papademos, der die griechische Regierung auf dem Höhepunkt der Euro-Krise als Premierminister übernahm: "Wenn jeder in Griechenland wäre wie Lucas, Griechenland würde es viel besser gehen!"

Auf Ben Bernanke, der das amerikanische Finanzsystem als Chef der US-Zentralbank Fed vor dem Zusammenbruch bewahrte: "Er war alles, was zwischen dem Land und einem Desaster stand."

Auf Paul Krugman, der mit seiner Kolumne in der New York Times zu den weltweit wohl einflussreichsten Intellektuellen gehört und den Ökonomie-Nobelpreis für seine Forschung gewann: "Ich gab ihm den schlechtesten Rat der Welt, als ich sagte: Nimm das Angebot der Zeitung nicht an. Du wirst die Chance auf den Nobelpreis verspielen."

Auf Kenneth Rogoff, Olivier Blanchard und Maurice Obstfeld, die nacheinander als Chefvolkswirte des Internationalen Währungsfonds (IWF) amtierten und damit bis heute die Wirtschaftspolitik auf der ganzen Welt beeinflussen.

Man könnte diese Liste noch fortsetzen und würde weitere mächtige Schüler des alten Mannes kennenlernen, die etwas gemein haben miteinander: Sie forschten allesamt in den siebziger Jahren als Doktoranden am Massachusetts Institute of Technology (MIT) an der US-Ostküste in Cambridge. Sie haben allesamt Macht, um ihre Ideen umzusetzen. Und sie hatten alle dieselben Lehrer, von denen der alte Mann der letzte noch lebende ist – und nach dem großen Paul Samuelson der wichtigste.

Der alte Mann heißt Robert Solow. Er ist heute 92 Jahre alt, Ökonomie-Nobelpreisträger, eine der bedeutendsten Figuren in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften. Er kommt noch selbst mit dem Auto zum Interview gefahren, und man macht sich nicht die geringsten Sorgen, weil er so fidel und wach wirkt, viel jünger, als er es nach Jahren ist. Wie muss das erst damals gewesen sein, als er noch in seinen flotten Fünfzigern steckte? Olivier Blanchard, der auf dem Höhepunkt der jüngsten Finanzkrise Chefvolkswirt des IWF und früher einer seiner Studenten war, sagt über Robert Solow: "Er ist der Mann, der wir sein wollten."

Zu sein wie Robert Solow, das heißt, Solows Perspektive auf sein Fach zu teilen, die zur Richtschnur für seine berühmte Fakultät wurde. "Der MIT-Ansatz ist, die Wirtschaft eher mit dem Ingenieursblick zu betrachten als mit dem abstrakter Physiker: Wenn die Maschine nicht funktioniert, dann muss man herausfinden, warum, und dann versuchen, das defekte Teil zu reparieren", sagt Robert Solow.

In den vergangenen Jahren gab es in Anbetracht großer Krisen viel zu reparieren in der Weltwirtschaft. Die Nachfrage nach dafür ausgebildeten Mechanikern war groß. Solows Schülern ermöglichte das einen beispiellosen Aufstieg. Die Regeln klassischer Politikerkarrieren spielten dabei kaum eine Rolle. Es galt mehr die Idee des antiken Philosophen Platon. Der wünschte sich eine Herrschaft der am besten Qualifizierten. Darin sah er die Chance für eine gerechte Gemeinschaft.

Wer Solows Schüler besucht, stellt fest, dass die Idee der Expertenherrschaft mit ihnen ein wenig Wirklichkeit geworden ist. Aus Platons Philosophenkönigen sind Solows Ökonomenkönige geworden.