In Venezuela ist der Ausnahmezustand die Regel, das Chaos die Normalität. Das macht auch vor den Toren des Colegio Humboldt nicht halt, der deutschen Auslandschule in Caracas. Eine Schule nach rein pädagogischen Gesichtspunkten zu gestalten – das ist hier unvorstellbar. Niemand kann garantieren, dass er pünktlich zum Unterricht kommt. Die Schüler werden alle von ihren Eltern gefahren, weil die Busse zu oft überfallen werden. Also stecken sie jeden Morgen im Stau. Es kam auch schon vor, dass Lehrer auf ihrem Arbeitsweg ausgeraubt wurden. Jetzt, da die Lebensmittel immer knapper werden, wird ihnen sogar das Lunchpaket geklaut.

Und wenn es kein Wasser gibt, fällt der Unterricht gleich ganz aus – es könnte ja niemand auf die Toilette gehen. Letztes Jahr war der Guri-Stausee fast ausgetrocknet, eine der größten Energiequellen des Landes. Präsident Maduro hat daraufhin die Viertagewoche im öffentlichen Dienst angeordnet, um Strom zu sparen. Auch die Schulen durften zwei Monate lang nur von Montag bis Donnerstag unterrichten – eine schwierige Situation für uns, denn wir müssen die Lehrpläne beider Länder erfüllen, von Deutschland und Venezuela. Selbst bei 40 Unterrichtsstunden pro Woche ist es nicht einfach, all den Stoff durchzubringen.

In diesen Zeiten, wenn die Unruhen das Land erschüttern und es viele Tote und Verletzte gibt, spitzt sich die Lage auch für unsere Schule weiter zu. Die Situation erinnert sehr stark an die Zeit der Proteste von 2014, als vor allem Studenten gegen die Regierung und Korruption, gegen die hohe Kriminalität und die ständige Warenknappheit demonstrierten. Wie damals errichten die Demonstranten jetzt überall Straßenblockaden. 2014 fanden die schriftlichen Abiturprüfungen genau während dieser Proteste statt. Viele Eltern sind nachts um vier Uhr losgefahren, um die Prüflinge mit Glück pünktlich um acht Uhr an der Schule abzuliefern.

Momentan erreichen im Durchschnitt jeden Tag 20 bis 50 Prozent der Schüler und Lehrer die Schule. Als Schulleiter muss man dann in kürzester Zeit einen funktionierenden Schulbetrieb stemmen – wer kann spontan einspringen? Welche Arbeitsmaterialien hatten die fehlenden Lehrer schon vorbereitet? Wie können wir die abwesenden Kinder mit Aufgaben versorgen?

Die Stimmung an der Schule ist gedrückt, die Schüler haben Angst. Ihr ganzes Leben kann sich derzeit nur noch in geschützten Räumen abspielen, zwischen Schule, Elternhaus und dem Club, in dem sie Hausaufgaben oder Sport machen. Die Sicherheitslage ist den Schülern immer präsent, genau wie die zugespitzten politischen und wirtschaftlichen Umstände. Jeden Morgen fahren sie an den Menschen vorbei, die in langen Schlangen nach Lebensmitteln anstehen – eine erhebliche psychische Belastung für Heranwachsende. Und dann gibt es morgens noch diesen heiklen Moment, wenn die Schüler aus dem Auto aussteigen und zur Schule gehen: In diesen wenigen Sekunden unter freiem Himmel kam es schon zu Überfällen. Immerhin kann das Colegio Humboldt einen Schutzraum bieten. Innerhalb der Schule können sich die Kinder frei bewegen, Freunde treffen, fröhlich sein. Zugleich sind die Schüler ohnehin privilegiert: Sie kommen aus der Oberschicht und der oberen Mittelschicht der venezolanischen Hauptstadt, ihren Familien geht es finanziell überdurchschnittlich gut. Allerdings wurde die Mittelschicht in der Wirtschaftskrise der letzten Jahre als Erstes geschröpft, ihr Lebensstandard sinkt stark. Für viele Eltern von Schülern des Colegio Humboldt ist es bereits jetzt schwierig, das Schulgeld aufzubringen. Deutsche Schüler gibt es fast gar nicht mehr, obwohl das Colegio eine Begegnungsschule sein soll, in der sich Deutsche und Venezolaner treffen. Doch kaum eine deutsche Familie will mehr in Venezuela bleiben. Politisch sind die meisten Eltern der Opposition zugetan – liberal, rechts, irgendwo in der Mitte. Aber es gibt Schüler, deren Eltern in der sozialistischen Regierungspartei sind und teilweise sogar hochrangige Positionen innehaben, wie die des ehemaligen Tourismusministers oder des ehemaligen Vizepräsidenten. Vor zwei Jahren gingen die Tochter eines politischen Gefangenen und die Tochter eines sozialistischen Gouverneurs sogar in dieselbe Klasse. Erstaunlicherweise spielen diese Differenzen im Schulalltag keine große Rolle – was nicht heißt, dass nicht politisch diskutiert wird. Die zunehmende Entdemokratisierung Venezuelas beschäftigt die Schüler sehr. In der Kommunikation miteinander ist uns ein zivilisierter und gewaltfreier Umgang wichtig. Wir Lehrer wollen zeigen: Man kann zwar unterschiedlicher Meinung sein, aber man muss trotzdem miteinander reden und gemeinsame Ziele verfolgen können.

Leider ist der Dialog mit dem Erziehungsministerium problematischer. Die Lehrpläne müssen genau abgestimmt werden, weil unsere Schule neben dem Abitur auch das venezolanische Reifezeugnis anbietet. Indoktrinierungen zu umschiffen ist eine Kunst, die den Lehrern viel diplomatisches Geschick abverlangt: Wenn sie etwa die Spielregeln einer demokratischen Staatsverfassung besprechen, gilt es, nicht eben Venezuela als schlechtes Beispiel zu zitieren. Denn sollte das in einer regierungstreuen Familie durchsickern, steht schnell ein Supervisor auf der Matte. Im schlimmsten Falle würde die venezolanische Co-Schulleiterin durch einen Staatskommissar ersetzt werden. Der würde dafür sorgen, dass nationale Regelungen über die binationalen Vereinbarungen gestellt und Ansichten vermittelt würden, die sich mit den bildungspolitischen Richtlinien Deutschlands nicht vereinbaren ließen. Das Colegio Humboldt könnte sich als deutsche Auslandsschule so nicht mehr halten.

Die Zahl der Kollegen und Schüler schrumpft beständig: Wer kann, verlässt Venezuela und geht ins Ausland. Das Schuljahr startet mit rund 950 Schülern, am Ende sind es meist noch um die 800. Einen deutschen Lehrer zu finden ist inzwischen fast unmöglich, und auch die einheimischen Kräfte verlassen uns oft.

Es ist erschütternd, zu sehen, wie die Lehrer in den vergangenen Jahren an Körpergewicht verloren haben. Es ist für viele sogar zu teuer geworden, in die Kantine zu gehen. Die Leute leben heute ganz anders als noch 2013: Sie wärmen sich mittags ein bisschen Reis und Kochbananen auf.

Das Colegio Humboldt versucht, Lehrer direkt an der Universität anzuwerben, bietet ihnen eine Weiterbildung an der Schule und Fortbildungsmöglichkeiten in Deutschland – in der Hoffnung, dass sie zurückkommen. Doch je besser sie qualifiziert sind, desto eher finden sie auch eine Arbeit im Ausland. Durch die Rotationen im Kollegium musste in den vergangenen Schuljahren sechsmal ein neuer Stundenplan erstellt werden.

Allen Widrigkeiten zum Trotz bestehen jedes Jahr zwischen 15 und 30 Schüler das deutsche Abitur – als Spanisch-Muttersprachler! 80 bis 90 Prozent eines Jahrgangs gehen dann nach Deutschland, um zu studieren oder zu arbeiten – auch diejenigen ohne Abi. In Venezuela fehlt ihnen die Perspektive.

Daran wird sich mittelfristig auch nichts ändern: Die Opposition kann die Proteste nicht lange aufrechterhalten, genau wie 2014 werden sie sich totlaufen, da die Opposition in sich zu sehr gespalten ist. Letztlich verfügt nur das Militär über die Macht, etwas zu verändern. Doch in dessen Reihen gibt es zu viel erkaufte Loyalität. Aber wer weiß, vielleicht kehren unsere Absolventen eines Tages doch zurück, um ihr Land sinnvoll zu verändern.

Aufgezeichnet von Bernd Eberhart