Eine fast schon vergessene Regierungskonstellation lugt dieser Tage aus dem Vergangenen hervor. Den Anstoß gab die Landtagswahl in NRW. Auf einmal ist wieder von Schwarz-Gelb die Rede. Noch überraschender als die neue Mehrheit im Landtag ist der Umstand, dass die potenziellen Partner nicht voneinander begeistert sind. Da liegt sogar ein Hauch wechselseitiger Aversion über der plötzlich wieder aktuellen Koalitionsoption, die früher als "bürgerlich" etikettiert wurde.

Unter Adenauer, Erhard, Kohl und Merkel haben Union und Liberale zusammen regiert, 33 Jahre lang, fast die Hälfte der bundesdeutschen Geschichte. In der Regel kämpften beide Parteien um eine gemeinsame Mehrheit. Eine Bemerkung, wie die von FDP-Chef Christian Lindner am Wahlabend, er sei nicht der Wunschkoalitionspartner der CDU, und das gelte auch umgekehrt, hätte früher keinen Sinn ergeben. Schwarz-Gelb hatte etwas Selbstverständliches und gehörte irgendwie zur natürlichen Ordnung der Republik.

Nur 1969 markierte die große Ausnahme. Damals schlugen die Liberalen eine Zusammenarbeit mit einer konsternierten Union aus und schlossen stattdessen mit der SPD ein außen- wie gesellschaftspolitisches Reformbündnis, in dem die FDP vielleicht stärker zur Geltung kam als während der 16 Jahre Kohl, die der sozialliberalen Ära folgten.

Denn zwischen Union und FDP schwelt seit je eine Kontroverse, die deren Zusammenarbeit überschattet. Die Union besteht – trotz ihrer wirtschaftsfreundlichen Grundstimmung – auf sozialen Ausgleich und gesellschaftlichen Konsens, während der FDP eher an der Entlastung der Wirtschaft und deren Entfesselung gelegen ist. Gerade weil die Liberalen sich für die soziale Seite der Marktwirtschaft nicht besonders zuständig fühlen, war die Union in den gemeinsamen Regierungszeiten umso mehr darauf bedacht, gegenzusteuern. Doch hat diese Spannung zwischen den beiden Parteien nie zu der grundsätzlichen Frage geführt, ob man sich überhaupt noch einmal aufeinander einlassen soll.

Die Vorsicht, die seit dem gemeinsamen Wahlerfolg in NRW zu besichtigen ist, hat mit den einschneidenden Erfahrungen zu tun, die Union und FDP beim letzten Versuch, miteinander zu regieren, gemacht haben. In den Jahren 2009 bis 2013 wurde aus der schwarz-gelben Konkurrenz ein politischer Abnutzungskampf, den die FDP mit dem parlamentarischen Aus bei der vergangenen Bundestagswahl bezahlen musste. Damals prallten die unterschiedlichen Mentalitäten der beiden Parteien, personifiziert in ihren Führungsfiguren Angela Merkel und Guido Westerwelle, ungebremst aufeinander.

Westerwelle hatte nach einem Jahrzehnt in der Opposition von einer politischen Zeitenwende geträumt. Doch er traf auf eine Kanzlerin, deren reformerischer Überschwang schon nach der Bundestagswahl 2005 erloschen war. Mit ihren Umbauplänen für das Steuer-, Finanz und Sozialsystem hatte sie sich damals fast um ihre politische Zukunft gebracht. Am Ende hatte es nicht für Schwarz-Gelb, sondern nur zu einer großen Koalition gereicht.