DIE ZEIT: Sie beide unterstützen seit Jahrzehnten Kinder aus schwierigen Verhältnissen und erhalten dafür jetzt den Deutschen Stifterpreis. Eine Art Siegel dafür, dass Sie der Gesellschaft geholfen haben. Haben Sie die Welt tatsächlich schon besser gemacht?

Gabriele Quandt: Für eine ganze Menge Kinder, ja. Mit unserem Verein Children for a better world unterstützen wir unter anderem die Mittagstische für Kinder, die zu Hause nicht mit gesunder Nahrung versorgt werden – und nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit für Schulaufgaben und anderes. Dafür geben wir 55 Organisationen Geld, die solche Mittagstische umsetzen.

ZEIT: Haben Sie ein konkretes Beispiel im Kopf?

Quandt: Ein Junge zum Beispiel hat dort Kochen gelernt. Wir bringen den Kindern bei den Mittagstischen bei, frische Sachen einzukaufen und eine Gemüsesuppe, einen Salat oder einen Pfannkuchen mit Paprika statt Nutella zuzubereiten. Als der Junge dann mit der Schule fertig war, hat er eine Kochlehre begonnen und ist jetzt Koch. Er ist total integriert, liebt seinen Job. Alles fing damit an, dass er bei uns kapierte, wie das geht mit dem Essenmachen. Das ist nur ein Sandkorn, aber es ist eben auch ein Sandkorn.

Florian Langenscheidt: Wir haben diesen selbstbewussten, fast pathetischen Namen Children for a better world, und es liegt in der DNA des Vereins und der Stiftung, dass sich dort viele zusammentun. Wenn jeder nach seinen Möglichkeiten beiträgt – beim einen sind das 20 Euro und beim anderen zwei Millionen –, dann kann man die Welt jenseits der staatlichen Bemühungen wirklich besser machen.

ZEIT: Das klingt gut. Aber ist es auch politisch gut, wenn Staaten aus ihrer Verantwortung entlassen werden, weil private Gönner ihre Aufgaben übernehmen?

Langenscheidt: Staaten sind immer überfordert. Wir können froh sein, dass sie so viel tun für den inneren Zusammenhalt und die soziale Gerechtigkeit im Großen. Aber Not entsteht im Kleinen, im Einzelfall. Manchmal ist sie geografisch weit entfernt, oder es geht um seltene Krankheiten, die nicht viele Menschen betreffen. Da tut die Politik das Notwendigste, und das Engagement und das Geld von privaten Stiftern, kleinen wie uns bis hin zu Bill und Melinda Gates, ist essenziell für unsere Gesellschaft.

Quandt: Wir unterstützen in erster Linie Engagement, das es schon gibt. Ein Beispiel: Eine Mutter sieht Flüchtlingskinder, die in der Klasse ihres Sohnes gestrandet sind. Keiner kümmert sich, keiner spricht sie an. Also fängt sie an, jeden Nachmittag für fünf Kinder zu kochen, dann Schularbeiten mit ihnen zu machen. Später kommt noch eine Mutter dazu, weil sie das Projekt toll findet, und auf einmal sind es 15 Kinder und drei Mütter. Erst wenn sie sich dann an uns wenden und Unterstützung suchen, kommen wir ins Spiel. Denn ich verstehe natürlich das Argument: Wir können dem Staat nicht seine Pflichten abnehmen. Aber der Staat ist überfordert, wenn wir nicht alle tun, was wir können.

ZEIT: Vielleicht ist er auch deswegen überfordert, weil reiche Leute wie Sie maximal 25 Prozent Kapitalertragsteuer zahlen müssen. Weil Wohlhabende Steuerschlupflöcher finden und weil sie, wenn sie Geld für einen guten Zweck geben, den Betrag von der Einkommensteuer absetzen können. Der Staat ist nicht automatisch arm, er wird auch arm gemacht.

Langenscheidt: Stiftungen und gemeinnützige Vereine sind keine Steuersparmodelle. Das Gemeinwohl gewinnt damit weit mehr, als der Staat an Steuern verliert.

ZEIT: Stiften Sie beide auch gegen ein schlechtes Gewissen an, weil Sie viel haben und andere wenig?

Quandt: Überhaupt nicht! Children for a better world ist bei Weitem nicht das einzige Projekt, um das ich mich kümmere.

ZEIT: Aber das Gefühl, Sie müssen sich entlasten, haben Sie schon?

Quandt: Nein. Ich habe zu Hause gelernt, dass man Verantwortung trägt, wenn man mehr hat als andere, egal von was. Wenn man schlauer ist als andere, soll man das nicht allein für sich einsetzen. Und wenn man mehr Geld hat als andere, dann hat man auch Verpflichtungen. Mit Freikaufen hat das nichts zu tun. Es geht darum, ein Vorbild für andere zu sein. Auch für meine beiden großen Söhne. Die haben gesehen, dass ihre Mutter immer ihren Job in Bad Homburg gemacht hat ...

ZEIT: ... als Chefin der familiären Vermögensverwaltung ...

Quandt: ... und dass wir bei Children die Vorstandssitzung immer sonntags zu Hause hatten. Dass ich ständig in Berlin herumrenne, weil ich die Freunde der Nationalgalerie als Vorstandsvorsitzende vertrete, und so weiter. Florian hat in seiner Familie ebenfalls gelernt, dass man nicht allein auf der Welt ist und nicht allein Bücher produziert, sie verkauft, und damit hätte es sich dann.

Langenscheidt: Wir verdienen das Geld ja nicht durch etwas, wofür man sich schämen müsste. Ganz im Gegenteil. Für mich gibt es einfach diesen biblischen Impetus, zehn Prozent der Zeit, des Einkommens und Vermögens abzugeben. Nicht aus schlechtem Gewissen, sondern um Lebenssituationen zu verbessern. Außerdem schreibe ich ja viel über das Glück. Wer immer nur fürs eigene Glück wirtschaftet, ist garantiert unglücklicher als derjenige, der sich primär um das Glück anderer kümmert. Ein schöner Mechanismus, der wahrscheinlich der menschlichen Spezies das Überleben gerettet hat.