DIE ZEIT: Herr Dercon, Sie haben Ihr Programm präsentiert, und es wirft eine Menge Fragen auf. 2017 folgt in der Volksbühne mit einer Samuel-Beckett-Aufführung und viel Tanz ein sehr stilles Theater. Es sieht aus, als wollten Sie sich möglichst radikal von Frank Castorfs Intendanz absetzen.

Chris Dercon: Wir beginnen ganz elementar, in dem Sinne, dass wir die Fundamente der darstellenden Kunst noch einmal vor Augen führen, für uns selbst und für das Publikum. Also das Abc des Theaters: Stimme, Bewegung, Raum, Licht, Maske. Im opulenten Theater, an das man hier gewöhnt war, wurde ja sehr laut gesprochen.

ZEIT: Also eine Tabula rasa?

Dercon: Ein Bruch mit dem Bisherigen, ja. Durch Reduktion. Das wird sich in vielen Stücken zeigen, die wir präsentieren, zum Beispiel in He, Joe von Beckett. Man hört zunächst nur Atem – zuerst kommt das Ohr und dann erst das Auge. In der ersten Personalversammlung an der Volksbühne stand jemand auf und sagte: "Herr Dercon, jetzt habe ich ein Problem. Ich arbeite bei der Reinigungstruppe, und Sie werden so viel Tanz machen. Wissen Sie, dass Tanz viel mehr Staub aufwirbelt?" Das fand ich ein wunderbares Bild: So viele Partikel werden aufgewirbelt. In Fever Room von Apichatpong Weerasethakul ist es das Spiel des Staubes im Lichtstrahl; die Mikro-Begegnungen bei Tino Sehgal sind auch solche Partikel. Wo fängt das Gesamte an, wo ist das kleinste Teilchen, das vielleicht elementar ist? Uns geht es zunächst nicht um die große Geste, sondern um Partikel.

ZEIT: Es gibt nun keinen Pollesch mehr, keinen Fritsch und keinen Castorf. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, zumindest einen Teil des alten Repertoires zu erhalten?

Dercon: Ja, aber natürlich! Wir haben im Dezember Fritsch und Pollesch und Castorf und Marthaler angeschrieben und gefragt: "Was können Sie uns empfehlen, welche Stücke finden Sie wichtig, im Repertoire zu halten?" Nun, wir haben nette, aber sehr deutliche Briefe zurückbekommen: Sie verweigerten jede Kooperation. Aber unsere Türen stehen weiterhin offen.

ZEIT: Das heißt, eigentlich wollten Sie eine Reform machen, aber nun sind Sie zur Revolution getrieben worden?

Dercon: Zu einer stillen Revolution.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung für diesen geschlossenen Widerstand gegen Sie?

Dercon: So schmerzlich der Widerstand für mich manchmal ist, das Nachdenken darüber ist inspirierend und führt einen in die DNA dieser Stadt. Wenn man eine Chronik verfasste all der ost-westlichen Missverständnisse im Zuge der Wiedervereinigung, dann könnte man wahrscheinlich das Phänomen Volksbühne besser verstehen.

ZEIT: Sie sind Gegenstand einer ideologischen Widerstandskampagne geworden, die sich mit der derzeitigen Berliner Politik vereinte und damit gleichsam offiziell wurde. Gab es das schon mal in einer europäischen Metropole?

Dercon: Doch, ich kenne das, wenn auch anders. Ich bin einmal aus einem französischen Gremium hinausgeflogen, das Kunst für die Provinz Bretagne ankaufen sollte, und ich hatte auch Auseinandersetzungen mit dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn in Rotterdam.

ZEIT: Die klassische Konfrontation findet zwischen einer konservativen Obrigkeit und linker Kunst statt. Hier geht ironischerweise eine linke Stadtregierung gegen eine künstlerische Neuausrichtung vor. Sie gelten der Linkspartei und ihrem Kultursenator Klaus Lederer als neoliberal.

Dercon: Die beste Analyse dazu stammt von Diedrich Diederichsen. Er sagte in etwa: Plötzlich steht eine kosmopolitische oder globalisierte Kultur für "neoliberal", und gegen Chris Dercon und Okwui Enwezor regt sich eine Front, die mitunter Parallelen zu rechter, identitärer Politik hat.