Die ganze Woche haben wir darauf gewartet, ihr Ende zu feiern. Doch kaum ist es da, wollen wir eigentlich nur ins Bett. Gerade löffeln wir noch die letzten Reste Lasagne aus der Ofenform, da sagt ein Freund: "Leute, es ist Freitag! Heute ist doch diese Party. Wer kommt mit?" Betretenes Schweigen. Och, bin eigentlich etwas zu müde. Will den Tag morgen mal nutzen. Muss zum Baumarkt. Muss ins Fitnessstudio. Sonst krieg ich wieder nichts auf die Reihe. Dabei fühlen wir uns irgendwie schuldig, so alt sind wir mit unseren Ende 20, Anfang 30 noch nicht. Wir sollten doch das Leben feiern, oder wenigstens das Wochenende. Was ist nur aus uns geworden?

Darauf kocht uns der Freund erst mal einen Tarifa: ja, richtig, einen Shot, den man kochen muss. Als Espresso mit einem Schluck Likör nehmen ihn auch partymüde Gäste an. Zur Verdauung. In Wahrheit ist Tarifa nur der vanillige Likör 43 mit einem Schluck Espresso – und so viel mehr als das.

Ein spanisches Restaurant in Hamburg beansprucht die Kreation für sich, erfunden von einem ehemaligen Mitarbeiter, den keiner mehr kennt. Warum er den Drink wie diese Stadt am südlichsten Punkt Spaniens genannt hat, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht ist es die Dualität des Ortes: süß und heiß wie die spanische Sonne, kalt und belebend wie der unaufhörliche Wind, für den Tarifa berühmt ist. Ich war noch nie dort, aber genau so stelle ich es mir vor.

Diese Gegensätze muss man im gleichnamigen Drink erkennen. Der perfekte Tarifa sieht aus wie eine Schicht goldene Mittagssonne unter tiefschwarzer Nacht. Dazu füllen wir das Shot-Glas zur Hälfte mit kaltem Likör. Den dampfenden Espresso gießen wir achtsam über einen umgedrehten Teelöffel. Wie eine Decke legt sich die dunkle Flüssigkeit über den goldenen Boden. Erst im Mund vereinen sich die Elemente. Süßlich und warm schicken sie einen Stoß Leben durch unsere Körper.

Die Espressokanne steht schon wieder auf dem Herd, aus Zögern wird verspielte Lust. Jeder will den perfekten Tarifa kreieren. Wir trinken jeder drei, vier Gläser und ziehen dann los. Der nächste Tag interessiert nicht mehr, alles ist jetzt eins: Tag und Nacht, Geist und Körper. Auf dem Weg zur Tanzfläche darf die Kneipe nicht ausgelassen werden, die den Drink zur Perfektion beherrscht. Zucker, Alkohol und Koffein pumpen Endorphine und Adrenalin durch unsere Körper. Wir kichern wie Kinder und fühlen uns dabei herrlich erwachsen. Wir klauen Schnapsgläser und tanzen bis zum Morgengrauen. Vergiss den Baumarkt, das Fitnessstudio. Am Nachmittag fühlen wir uns müde, aber seltsam gut gelaunt, wie nach einem Tag am Strand. Vielleicht in Tarifa. Dann legen wir uns noch mal hin.