Warum schreibt jemand mit Anfang vierzig eine Coming-of-Age-Geschichte? Natürlich sind Autoren frei in der Wahl ihrer Stoffe, und doch ist man erst einmal verblüfft, dass sich Jan Schomburg, Jahrgang 1976 und von Haus aus eigentlich Filmregisseur, bei seinem literarischen Debüt für ein Genre entscheidet, das sonst bevorzugt von Autoren in ihren Mittzwanzigern bedient wird. Überdies hat Schomburg schon ganz andere Stoffe bearbeitet, man denke nur an das Drehbuch für Maria Schraders exzellenten Film über Stefan Zweigs brasilianisches Exil, Vor der Morgenröte, das er gemeinsam mit der Regisseurin geschrieben hat. Wischt man aber die erste Verwunderung über diesen unerwarteten Aufschlag beiseite, tut sich ein zurückhaltender, fein erzählter Roman auf, der zwar unter Jugendlichen spielt, aber im eigentlichen Sinne keine Feier von Jugendlichkeit zelebrieren möchte.

Das Licht und die Geräusche handelt vom charmanten, aber schwer zu fassenden Boris. Er ist neu in der Klasse, aufgeweckt, mit einer Neigung zum Altklugen. Er ist erst kürzlich mit seiner Familie aus Portugal nach Deutschland gezogen. Zumindest Johanna, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist von seiner Schlagfertigkeit und der reflektierten Persönlichkeit fasziniert und kann sich nicht entscheiden, ob er nun ihr Freund oder besser doch ihr bester Freund sein sollte. Wobei Boris eigentlich eine Freundin in Portugal hat.

Eine ganze Weile treibt der Roman so dahin, nicht unangenehm, aber auch nicht wirklich zwingend. Viel emotionale Schieflagen, mal ein Alkoholexzess, dann ein Mobbingvorfall auf Klassenfahrt. "Ich glaube, du überschätzt die Aufregung, in die mich interne Angelegenheiten von Schülern versetzen", möchte man Schomburgs Erzählerin im Einklang mit ihrer Geschichtslehrerin zurufen. Fast unbemerkt aber zieht die Erzählung an, irgendwo zwischen einem nächtlichen Bad im See, bei dem die beiden sich einmal mehr als Liebespaar verfehlen, und dem Moment, in dem Johanna Boris’ Abschiedsbrief öffnet. Und plötzlich, bei aller Distanz zum Vorabi-Gefühlshaushalt, fühlt man sich von der ernsten Erzählerin auf Augenhöhe angesprochen.

Auf einer Party "in irgendeinem Reihenhauskeller" hatte Boris sie leicht angesäuselt einmal nach einem wirklichen Grund gefragt, der gegen Selbstmord spräche. Johannas Antwort, "Das Licht und die Geräusche", scheint ihn nicht überzeugt zu haben. Jedenfalls deutet der Abschiedsbrief darauf hin, der in Island abgeschickt wurde.

Videolesung - Jan Schomburg liest aus "Das Licht und die Geräusche" Johanna ist ständig mit Boris zusammen, ein Paar sind sie aber nicht. Sie versucht, Boris und andere Mitschüler zu enträtseln und das Leben zu verstehen. © Foto: Zehnseiten

Gemeinsam mit Boris’ aufgelösten Eltern fliegt die Erzählerin nach Island, wo die portugiesische Freundin Ana-Clara die Schicksalsgemeinschaft vervollständigt. Wie jede Figur innerhalb dieses aufgekratzten sozialen Mikrokosmos mit der eigenen Angst umgeht und man sich dennoch mit zärtlicher Neugier beschnüffelt, ist absolut wunderbar erzählt. Insbesondere die Mädchen beginnen, eine ganz neue Art der Zuneigung füreinander zu entwickeln, hat doch die jeweils andere dem Verschollenen unglaublich viel bedeutet, was insbesondere die toughe Johanna im Fall der blassen, schweigsamen Ana-Clara lange nicht verstehen kann. Dieses feinsinnige Nachfühlen von sozialen Reibungen prägt den Roman wesentlich stärker als die Spannungskurve um den angekündigten Freitod.

Durch eine Nacherzählung aus ihrer Summe herausgelöst, verlieren sich die ausgezeichneten Zwischentöne dieser Prosa, selbst Johanna kommt es einmal so vor, "als würde alles, was ich erlebt habe, durch meine Worte diffuser, trüber, weniger". Geordnet, klar und intensiv liest sich das hingegen bei Jan Schomburg, der trotz des zeitlichen Abstandes zur eigenen Adoleszenz zu keinem Zeitpunkt Probleme mit der Glaubwürdigkeit der Perspektive oder des Tonfalls bekommt. Was die Eingangsfrage zwar auch nicht beantwortet, sie aber zugegebenermaßen weit weniger wichtig erscheinen lässt.

Jan Schomburg: Das Licht und die Geräusche
Roman; dtv, München 2017; 256 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €