Takis Würgers Roman konnte in den vergangenen Wochen eigentlich niemandem entgehen. Für kaum ein anderes Buch schien in diesem Frühjahr ein so erheblicher Marketingaufwand betrieben worden zu sein. Der Verlag Kein & Aber schickte geheimnisvolle Einladungen zur Berliner Buchpremiere, und hinterher konnte man staunende oder weniger staunende Partyberichte lesen.

Auf der Rückseite von Der Club stehen vier begeisterte Stimmen aus dem deutschen Literaturbetrieb: Elke Heidenreich ruft entzückt, was das für eine Geschichte sei!, Benjamin von Stuckrad-Barre möchte mit dem Buch befreundet sein, Benedict Wells findet es faszinierend, und Thomas Glavinic sagt, dass es nur wenige echte Schriftsteller wie Würger gebe. Eine Erwähnung gab’s sogar im heute-journal, dafür muss mancher Nobelpreisträger erst sterben. Nun kann man die beachtliche Bugwelle, die ein Verlag erzeugt, dem Autor selbst nicht unbedingt zur Last legen, und dass in den vergangenen Jahren die Lobpreisungen, sogenannte Blurbs, von befreundeten Schriftstellern auf allen Bucheinbänden ein epidemisches Ausmaß erreicht haben, ist ja ein Thema für sich.

Takis Würger jedenfalls ist Jahrgang 1985 und ein mehrfach prämierter Reporter des Spiegels. Und sein Buch ist zunächst ein interessanter Versuch, Entwicklungsroman, Liebes- und Kriminalgeschichte miteinander zu vereinen. Der junge Deutsche Hans kommt durch ein Stipendium an die Universität in Cambridge. Seine Mutter fiel im Garten tot um, sein Vater wurde von einem Laster gerammt, im Internat rettet den auf den ersten 20 Seiten zum Waisen gewordenen Hans eigentlich nur das Boxen. Seine Tante Alex bietet ihm schließlich das Stipendium für die Eliteuniversität an, knüpft es allerdings an eine Bedingung: Hans soll ein Verbrechen aufklären, über das Alex selbst, eine emotional verhärmte Kunsthistorikerin, schweigt. Hans muss dafür in den legendären Pitt-Club aufgenommen werden, ein exklusiver Männerzirkel, in dem das Verbrechen begangen worden sei. Würger schildert seine Geschichte von dort an nicht nur aus der Perspektive von Hans und Alex, sondern aus den Augen zahlreicher Figuren, die der Autor wie um einen Abgrund herum aufgestellt hat.

Es gibt die schöne und sonderbare Charlotte, den sympathischen Zyniker Angus, Hans’ einzigen Freund Billy, einen Irak-Veteranen namens Magic Mike, den chinesischen Ehrgeizling Peter, der aus Gründen der Zeitersparnis während des Frühstücks masturbiert, und den Schnösel Josh, der geradewegs aus einem Bret-Easton-Ellis-Roman entlaufen sein könnte und obsessiv von Omega-3-Fettsäuren faselt. In dieser mehrstimmigen Konstruktion umkreist Würger das dunkle Geheimnis des Campus, legt hier eine Spur, lässt da eine Andeutung fallen, das ist recht raffiniert. Er beschreibt das von Lederschuhen rundgetretene Kopfsteinpflaster, die weißen Lilien in den Vasen, die ehrwürdigen Samtjacketts der Geheimclubs, die Efeuranken, die seufzenden Dielen der Häuser, Gurkensandwiches und Apple-Crumbles. Vor einiger Zeit hatte Würger seine Arbeit als Reporter unterbrochen, um selbst in Cambridge zu studieren, und er hat seinen Roman nun mit allerhand Details möbliert, um eine aparte Atmosphäre zu erzeugen, die sich allgemach verdüstert.

Denn Der Club erzählt davon, wie weit Menschen unter dem sozialen Druck einer Gruppe bereit sind zu gehen. Der Roman erzählt von männlichem Kontrollverlust und Vergewaltigung, von Initiationsritualen, Wohlstandsverwahrlosung, Allmachtfantasien und dem Boxen, das in diesem ansonsten sehr unmetaphorischen Roman als Lebensmetapher herhalten muss. Wie Wolf Wondratschek es gesagt hat: Boxen handelt vom Unterschied zwischen Liegen und Stehen.

Die Sprache ist so transparent, als wollte sie die Geschichte nicht mit bedeutungsvollem Ballast oder poetischem Überschwang beschweren. Hauptsatz reiht sich an Hauptsatz, ein gekonnt choreografiertes Nebeneinander, ohne viel Adjektivschmuck, streng auf Präzision bedacht, als könne schon ein Nebensatz oder nur der Anflug von Gewagtheit alles ins Rutschen bringen. Reibungslos schnurrt der Plot ab, und den Protagonisten folgt man auf Abende, die "im Rhythmus knallender Korken" vergehen und an denen höhere Söhne niederen Fantasien nachgeben.

Videolesung - Takis Würger liest aus "Der Club" Hans erinnert sich an seine Kindheit. An die krebskranke Mutter und seine eigenwillige Tante, die verspricht, jeden zu töten, der sich an ihm vergreift. © Foto: Zehnseiten